Synoptische Entwicklung Kyrills

Mittwoch, 17.Januar 2007 - 00 UTC

17-01-07-00utc-tDie Höhenwetterkarte zeigt eine stark verwellte Höhenströmung über dem Nordatlantik bis nach Nordeuropa, die über Osteuropa von einem langwelligen Keil nach Norden abgelenkt wird. Das Frontensystem über den Britischen Inseln befindet sich klar vorderseitig der Trogachse, was dessen Wetteraktivität erheblich verstärkt. Es gehört zu einem Tiefdrucksystem über dem Nordatlantik südlich von Grönland.Die Kaltfront geht in eine Welle über, die anhand der ausgebuchteten 1015hPa-Isobare gut erkennbar ist. Mitteleuropa befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer schwachen Südwestströmung - über der südlichen Nordsee bis zur Ostsee schleift eine wellende Kaltfront des Finnlandtiefs.


Das "Kyrill" getaufte ausgedehnte und sehr energiereiche Bodentief mit 986hPa östlich von Neufundland liegt knapp vor der Trogachse und damit unter schwacher zyklonaler Vorticityadvektion, was eine Vertiefung am Boden zur Folge hat. Darüberhinaus verlagert es sich rasch südostwärts, da nahe der Jetachse in einer intensiven Strömung eingebettet. Das Tief ist bereits schwach okkludiert.

 

Mittwoch, 17.Januar 2007 - 12 UTC

17-01-07-12utc-tZwölf Stunden später hat sich das Bodentief deutlich auf 970hPa vertieft und weist nun eine eingeringelte Okklusionsfront auf. Am Okklusionspunkt sind die Linien gleicher äquivalentpotentieller Temperatur deutlich weniger gedrängt als an der Kaltfront weiter stromaufwärts bzw. an der Warmfront. Des Weiteren befindet sich das Bodentief (siehe weißer Kreis) recht weit von der Trogachse östlich von Neufundland entfernt und bereits recht nahe am Höhentrog mit hochreichender Kaltluft. Eine derartige Position lässt aus quasigeostrophischer Sicht vermuten, dass in Kürze der Höhepunkt der Tiefdruckentwicklung erreicht ist.


Weiterhin wetteraktiv mit kräftigen Regenfällen ist die Kaltfront des Tiefs bei Schottland, die in einem Bereich starker zyklonaler Vorticityadvektion trogachsenvorderseitig liegt. Die Südwestströmung nimmt nun besonders über Westdeutschland und Benelux allmählich zu. Am Nachmittag werden in Böen verbreitet Bft 6-8 erreicht, teilweise treten mit Kaltfrontdurchgang schwere Sturmböen auf.

 

Donnerstag, 18.Januar 2007 - 00 UTC

18-01-07-00utc-tIn der Nacht zu Donnerstag vollzieht sich eine entscheidende Entwicklung am Okklusionspunkt von Bodentief "Kyrill":

Das bisher betrachtete Bodentief Kyrill 1 okkludiert weiter und bildet einen separaten Höhentiefkern aus.

Wie aus der 500hPa-Karte ersichtlich liegt das Bodentief nun bereits rückseitig der Trogachse.

Daraus lassen sich zwei Auswirkungen schlussfolgern:

  1. das Bodentief füllt sich auf
  2. das Bodentief bleibt stationär

Rückseitig der Trogachse erfährt das Bodentief antizyklonale Vorticityadvektion und damit einen Druckanstieg am Boden. Durch die Lage nahe des Höhentiefkerns verlagert es sich nicht mehr ostwärts, sondern wird zunehmend stationär. Sein tiefster Druck wurde folglich mit etwa 967hPa erreicht. Der Okklusionspunkt jedoch befindet sich klar vor der Trogachse und zudem im linken Auszug des Jetstreams, daraus resultiert starke zyklonale Vorticityadvektion bzw. die stärksten Aufwärtsbewegungen. Infolge der Position näher an der Jetachse verlagert sich das am Okklusionspunkt entstandene Rand- oder Teiltief rasch ostwärts. Dieses Randtief, Kyrill 2, ist der eigentliche Orkan Kyrill, der Mitteleuropa heimsuchte.

 

Donnerstag, 18.Januar 2007 - 06 UTC

18-01-07-06utc-tSechs Stunden später hat Kyrill Irland erreicht. Der Kerndruck ist von etwa 970hPa am Okklusionspunkt auf 966hPa gefallen. Die Okklusionsfront des "alten" Kyrills löst sich langsam von der neuen Okklusionsfront ab. Der Kerndruck von Kyrill 1 ist von 967hPa auf 974hPa gestiegen, als Resultat der vorher erwähnten antizyklonalen Vorticityadvektion. Das ehemals zugehörige Höhentief ist ostwärts weitergezogen. Kyrill liegt weiterhin vor einer markanten Trogachse mit intensiven Hebungsvorgängen. Die westsüdwestliche Strömung nimmt mit Annäherung des Orkantiefs in allen Höhenschichten zu. Das Maximum der Strömung wird bis zu diesem Zeitpunkt zunächst im Warmsektor über Südengland erreicht. Dort erreicht Kyrill auch im Tiefland Orkanstärke.

Die in der Poebene lagernde Kaltluft begünstigt bei gleichzeitig einsetzender Warmluftadvektion nördlich der Alpen sowie starkem Druckfall dort eine zunächst hochreichende, später seichte Südföhnströmung über die Alpen.

 

Donnerstag, 18.Januar 2007 - 12 UTC

18-01-07-12utc-tWeitere sechs Stunden später hat sich das Orkantief bereits zur Doggerbank verlagert. Der Kerndruck ist dabei nur um wenige Hektopascal gefallen. Dies ist einer der Besonderheiten dieser Orkanlage, da das Tiefdruckgebiet bereits weit vor Eintreffen in Mitteleuropa voll entwickelt war. Im Gegensatz dazu erfuhr etwa Orkan Lothar 1999 seine rasante Vertiefung erst über Westeuropa (200er Falltendenzen).


An der Kaltfront bildet sich ein starker Luftmassengradient aus - zusätzlich ist sie in die stärkste und hochreichende Strömung eingebettet. Drittens liegt sie knapp vor der Trogachse, ebenso wie das Bodentief, mit einem Jetstreak in 500hPa, der über 100Kn erreichte. Bessere Voraussetzungen für heftige, vertikale Umlagerungen und konvektive Unwetter konnte es nicht geben.

Bereits im Warmsektor sind die Isobaren sehr dicht gedrängt - im Erzgebirge sowie im angrenzenden Flachland Sachsens wurden trotz vermeintlich stabiler Warmluftschichtung Orkanböen erreicht. Ursache hierfür waren hydraulische Effekte, die leeseitig des Erzgebirgskamms die immensen Höhenwinde von 70-80Kn in 850hPa bis zum Boden herabtransportierten. Sonst wurden im Flachland verbreitet Bft 9-10, im äußersten Südwesten einzelne 11er registriert. Über Benelux und Südengland tobte der Orkan mit der durchgehenden Kaltfront am Heftigsten. Amsterdam meldete um 12 UTC eine 130km/h-Böe.

An der Kaltfront selbst bildete sich westlich von Irland eine langgestreckte Welle aus, die Tendenzen zu einer Okklusion (angedeutet) zeigte. Auch weiter stromaufwärts verwellte die Kaltfront weiter, zunächst noch ohne markantere Vertiefungstendenzen.

 

Donnerstag, 18.Januar 2007 - 18 UTC

18-01-07-18utc-tUm 18 UTC erreicht der Orkan seinen Höhepunkt über der westlichen Ostsee. Die Kaltfront erstreckt sich quer über Deutschland von Nordost nach Südwest. Die zugehörige Trogachse liegt über Westdeutschland - die Kaltfront somit vorderseitig unter stärkstem Hebungsantrieb. Der wetteraktivste Teil mit den Gewittern und schweren Orkanböen lag jedoch über dem Norden und Osten Deutschlands, wo sich die Höhenkaltluft befand.

Dem ist es zu verdanken, dass die Kaltfront nicht ganz Deutschland überquerte bzw. im äußersten Südwesten zumindest im tiefen Flachland keine extremen Orkanböen erreicht wurden. Dennoch lassen die Böen-Meldungen für 18 UTC aufhorchen. 144km/h in Düsseldorf, 133km/h in Chemnitz sowie ein starker Tornado in Wittenberg kurz zuvor. Auch sonst wurden verbreitet schwere bis orkanartige Sturmböen gemeldet, z.T. Orkanstärke, besonders im Nordwesten, wo die Schäden so riesig waren, dass in einzelnen Landkreisen Katastrophenalarm ausgerufen wurde und einzelne Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten waren. In Teilen Ostdeutschlands fiel mit Durchgang der Kaltfront teilweise stundenlang der Strom aus. Mehr zur Kaltfront dann im dritten Teil dieser Analyse.

Rückseitig der Kaltfront nähert sich eine Troglinie, die nochmals Orkanböen und kräftige Schauer, jedoch keine Gewitter mehr hervorbrachte. Die Wellenbildung südwestlich von Irland schwächte sich wieder ab, stromaufwärts folgt aber eine weitere Welle nach, die im Bereich starker Luftmassengegensätze liegt - zudem vorderseitig eines langwelligen Troges südlich von Neufundland günstig für weitere Druckvertiefung gelegen.

 

Freitag, 19.Januar 2007 - 00 UTC

19-01-07-00utc-tOrkantief Kyrill liegt mit nahezu unverändertem Kerndruck (tiefster Kerndruck war 964,8hPa) über der Danziger Bucht. Die Kaltfront zieht unter ganz allmählicher Abschwächung weiter südostwärts. Auch Tschechien und Ostösterreich werden mit Orkanböen beeinflusst, die Gewitteraktivität lässt langsam nach.

 

In der Höhenwetterkarte ist die Ursache für die nur langsame Auffüllung des Bodentiefs ersichtlich - denn der Kern liegt noch vor der Trogachse, wenn auch nahe am Kern. Die Strömung dreht trogrückseitig auf nordwestliche Richtungen. Eingelagert ist eine schwache Welle, die besonders über Südwest- und Süddeutschland ergiebige Regenfälle verursacht.

Die intensive Nordwestströmung mit 60Kn in 700hPa führt zu einer massiven Nordföhnlage in Norditalien, die 850hPa-Temperaturen steigen dabei auf über 15°C an. Weiter stromaufwärts vertieft sich die zweite Welle weiter - aus der später Sturmtief "Lancelot" hervorwuchs.

 

Freitag, 19.Januar 2007 - 06 UTC

19-01-07-60utc-tAm Freitag morgen hat sich Orkan Kyrill weiter nach Westrussland verlagert. Über weiten Teilen West- und Mitteleruropas tritt vorübergehend eine Wetterberuhigung ein. Die Kaltfront ist nun deutlich aus dem Höhentrog herausgelaufen, die nachfolgende Welle dämmt die konvektive Aktivität zunehmend ein.

 

Da die südlich der Alpen durch Nord-bzw. Westföhn erwärmte Luftmasse viel wärmer als jene im Warmsektor der Welle ist, kommt es zu starkem Nordföhn in Innsbruck - mit bis zu 101km/h Spitzenböen allerdings schwächer als noch am Vortag erwartet (siehe Fallstudie).

Kyrill zieht im weiteren Verlauf langsam zur Karasee nördlich von Russland und füllt sich dort bis zu seinem Tode auf.

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