Gewitterlagen in Wien

Einleitung:

Je nach Wetterlage ist in Wien die ganze Bandbreite an Gewitterarten möglich. Grundsätzlich sind Gewitter von Westen windlastiger als aus anderen Richtungen. Das erhöhte Sturmpotential resultiert aus der speziellen topographischen Lage Wiens: Das Donautal begünstigt starke Winde durch Kanalisierung, und "gap flow" -Effekte (auch: Kanteneffekt) kommen am Alpenostrand hinzu. Zudem beschleunigt der Wind stromabwärts vom Wienerwald als Folge von Föhneffekten. In der Umgebung von Gewittern beeinflussen die genannten Effekte hauptsächlich die Ausbreitung der Outflow Boundaries. 

Nähern sich die Gewitter von Südosten, sind sie oft mit Starkniederschlag und hoher Blitzfrequenz verbunden. Ursächlich dafür ist vor allem der hohe Flüssigwassergehalt, da die Gewitter mit Luftmassenzufuhr von der Adria genährt werden.

Eigene Beobachtungen aus dem Sommer 2011 sowie von vorherigen Jahren (verfolgt anhand von Radarbildern) offenbaren folgende Systematik:

  • Böenlinien vom Dontautal kommend sind von oft von schweren Sturmböen (> 90 km/h) begleitet (Beispiel: 23.07.09)
  • Superzellen in südlicher bis südöstlicher Höhenströmung beherbergen ein erhöhtes Risiko für großen Hagel und feuchten Downbursts (04.06.11)
  • Die höchsten Blitzraten treten bei Gewittern bzw. Multizellenclustern von Südosten kommend auf (06.08.2010,13.08.10, 14.07.11, 04.06.11)
  • Flache Druckverhältnisse mit langsam ziehenden Gewittern und lokalen Konvergenzlinien begünstigen Sturzflutgewitter, möglicherweise in Zusammenspiel mit dem Stadteffekt/Hitzeinsel (08.06.11)

1. Der Wiener "Lurch"-Effekt

1.1 Wort-Herkunft

Es existiert kein wissenschaftliches Fundament für den ''Lurch''-Effekt. Der ''Lurch'' ist eine österreichische Bezeichnung für eine Ansammlung von Staub unter Möbeln. Die Bezeichnung von Wien als ''Lurch'' stammt vorwiegend von der dichten Bebauung, dem Verkehr und dem Lärm. Der Großteil Österreichs wird von Berg- und Hügelland, Landwirtschaft und Wäldern beherrscht, und Satellitenstädte wie Graz, Innsbruck, St. Pölten, Linz oder Klagenfurt weisen bedeutend geringere Einwohnerzahlen als Wien auf. Abseits patriotischer Gefühle gibt es nur wenige Österreicher, die wirklich gerne in Wien leben. Sie sind das Leben am Land gewohnt und ich beabsichtige nicht, diesen Lebensstil in Frage zu stellen.

Natürlich ist aus Sicht eines Wohners der ''Lurch'' keine sonderlich nette Beschreibung ihrer Stadt, und sie verkennt vor allem die schönen Seiten einer Großstadt, die florierende Kultur- und Kunstszene, die Vielfalt der Landschaft und unzähligen Tierarten, die man mitten in den Wohnansiedlungen antrifft (z.B. Feldhamster auf dem Geländer des Franz-Josef-Spitals).

Im Kontext des negativ besetzten ''Lurch''-Effekts sind all jene Gründe gemeint, aus denen Gewitter vor Wien eingehen, weshalb es nicht überraschen dürfte, dass ausgerechnet ein leidenschaftlicher Meteorologe für diesen Begriff verantwortlich ist.

1.2 Gewitter und Gewitterlinien versterben vor Wien

Gewitter von Westen kommend entstehen gewöhnlich auf einer Trogvorderseite mit föhniger Südströmung in den Ostalpen, was mäßige Südostwinde in Wien impliziert. Anfangs unterdrückt die Föhnströmung die Bildung von Gewittern generell, und vor allem im weitläufigeren Umfeld Wiens (wie etwa dem Mostviertel). In vielen Fällen schießen die ersten Wolkentürme am Fuß der Alpen über Südbayern hoch. Die Mehrzahl dieser Gewitter entwickelt superzellige Eigenschaften und etwa neun von zehn erzeugen großen Hagel und schwere Sturmböen. Mit fortschreitender Tageszeit werden die Gewitter abwinddominant und verschmelzen zu einer Gewitterlinie.

Diese erreicht Wien nur, wenn folgendes gilt:

  • schwacher Föhn und geringer CINH

Zu starker Föhn verursacht sehr trockene Luft in der mittleren Atmosphäre und erhöht zudem das Entrainment in den Aufwind. Die Austrocknung der Grenzschicht durch starken, bodennahen Südostwind erhöht den CINH. Gewitter, die dennoch ins Föhnregime vordringen, sterben oft an mangelndem Forcing, denn ...

  • ostwärts fortschreitende Trogachse

In vielen Fällen zieht der Kurzwellentrog von Südwest nach Nordost und die Gewitter verlagern sich mit der steuernden Südwestströmung von Bayern über Oberösterreich weiter ins Waldviertel und nach Tschechien. Sind Scherung und Energie ausreichend, können die Gewitter zu Rechtsläufern werden, jedoch begrenzen die fortschreitende Tageszeit und nach Osten zunehmender CINH oft die Ostwärtswanderung der Gewitter. Sobald die Gewitter das schwächeln beginnen, passen sie sich wieder der steuernden Strömung an und ziehen nördlich von Wien vorbei. Bestenfalls entstehen zwischen St.Pölten und Wien neue Gewitter vor der Linie, dann ist ein 'Treffer' möglich, zumindest in den westlichen Bezirken.

1.3 Outflow boundary (Druckwelle)

Kräftige Gewittersysteme erzeugen durch Verdunstungskälte ein signifikantes Kaltluftpolster. Wenn sich die Outflow Boundary entwickelt, steigt gleichzeitig der Luftdruck und die horizontalen Druckdifferenzen zwischen der Kaltluftregion und der tageszeitbedingten Warmluftregion nehmen zu, was eine Druckwelle hervorruft.

Im Donautal erzeugt diese Druckwelle häufig zunehmende Westwinde, während im Wiener Becken noch mäßige bis frische Südostwinde vorherrschen. In der Mehrzahl der Fälle - bei hohem CINH und mangelnder Hebung - bewirkt die Druckwelle eine Stabilisierung der Grenzschicht und erstickt somit jegliche Gewitteraktivität im Keim.

Während grenzschichtwurzelnde Gewitter in Wien dann kein Thema mehr sind, folgt die Überraschung oft am nächsten Tag - nämlich dann, wenn die Trogachse nach wie vor westlich von Wien liegt. In Bodennähe, nicht selten bis etwa 850 hPa hinaufreichend, weht kräftiger West- bis Nordwestwind, mit dem stabil geschichtete, kühle Luft einströmt. Die Gewitter entstehen dann über Südösterreich, speziell im Steirischen Hügelland, und ziehen mit der vorderseitigen Südwestströmung Richtung Niederösterreich. Je stärker die Südwestströmung in 700 hPa, desto besser sind die Chancen auf entkoppelte (kräftige) Gewitter in Wien, wobei die Hauptgefahren dann im Starkregen liegen, weniger im Hagel/Sturm. In den Ursprungsgebieten können die Gewitter sehr wohl noch die ganze Bandbreite an Unwettererscheinungen beherrschen.

Besonders tückisch an diesen Lagen ist die Unterschätzung der Gewittergefahr durch die meisten Wettermodelle, die entkoppelte Instabilität weit oberhalb der Grenzschicht gar nicht oder unzureichend erfassen. In den meisten Fällen im Sommer 2011 und auch zu Beginn des Sommers 2012 rechneten die Modelle CAPE-Werte um 0 J/kg und oft positiven Lifted Index, die modellierte CAPE-Zone begann deutlich östlich der tatsächlichen Gewittertätigkeit.

Beispiele: 27. Mai 2011 (Superzelle, die zu einem Bogenecho wurde und Wien mit zahlreichen Blitzen, kleinem Hagel, Starkregen und schweren Böen überquerte), 27. August 2011

1.4 Stromabwärtiger Abstieg und Föhn über den Wienerwald

In manchen Fällen überwindet die Outflow Boundary den Wienerwald, steigt leeseitig über Wien ab (Abtrocknung) und steigt östlich der Stadt neuerlich auf - dort, wo West- und Ostwinde konvergieren. Die Shelf Cloud rast über den Himmel, aber der Niederschlagskern verbleibt luvseitig des Wienerwalds. Wie am 22.Juni 2011 geschehen ist dann außer kräftiger Windböen nicht mehr viel zu erwarten. Minimale Geländeerhebungen wie Laaer und Wiener Berg reichen aus, um Neubildungen zu ermöglichen.

Am 3.Juni 2011 gab es jedoch auch den umgekehrten Fall von Gewittern, die von Nordosten heranzogen, vor Wien eingingen, und sich in den westlichen Wienerwaldbezirken durch luvseitigen Aufstieg neu bildeten.

2. Bildeindrücke vom Sommer 2011

2.1. 22. Mai 2011: Shelf Cloud aus Südosten (nichtgewittrig)08-05-2011

2.2 4.Juni 2011: Hageldownburst (2cm Hagel + 100 km/h) von Südosten

4-6-11

2.3 7. Juni 2011: Gewitterwolke über dem Nordburgenland 

7-6-11

2.4. 22. Juni 2011: Trockene Böenwalze (Outflow Boundary) vom Wienerwald kommend

22-06-11

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