Meine Geschichte

11-Felix

Wie alles begann

Ich habe bereits in der frühen Kindheit ein Interesse für das Wetter entwickelt. Niederschlag liebte ich in jeder Form und während andere bei Regenwetter deprimiert und lustlos waren, genoss ich es, draußen zu sein. Stundenlang saß ich am geöffneten Zimmerfenster und lauschte dem gleichmäßigen Geräusch des prasselnden Dauerregens auf den Ziegeln, das gluckernde Strömen entlang der Dachrinne. Ebenso mochte ich das Dachfenster schräg über meinem Bett - Regen als Einschlafhilfe. Nur bei Gewitter schloss ich den Rolladen. Plötzliche Lichtblitze ebenso wie knallender Donner erschrecken mich noch heute, speziell, wenn man in einem Zuhause ohne Blitzableiter aufwächst. Neben Regen liebe ich Schneefall, aber auch starken Wind. Das Rauschen und Heulen beruhigt mich - und Schnee dämpft zusätzlich die Umgebungsgeräusche. Der Verkehr wird leise.

Autodidaktisches Denken

Mit Wetteraufzeichnungen begann ich im Sommer 1997, und entwickelte bald meine eigenen Abkürzungen für bestimmte Wetterphänomene, die Stärke von Niederschlag und Wolkenarten. Ebenso stellte ich - noch weit vor der Möglichkeit auf einen Internetzugang - eigene Theorien auf, weshalb sich bestimmte Wettervorgänge vollzogen. Natürlich konnte ich einen Teil meiner Thesen mit dem Internet wieder ad acta legen, als ich erfuhr, was tatsächlich dahintersteckt. Es dämpfte meinen Wissensdurst aber nicht - im Gegenteil, ich schrieb recht exzessiv und durchaus stur in einigen Wetterforen, stellte weiterhin Theorien auf und liebte vor allem die Analyse. Dafür kam mir mein Blick für Details zu Gute.

Im Studium setzte ich dieses selbstständige Denken fort und übertrieb dabei mitunter. Ich erinnere mich an eine Szene, als ich im Computerraum saß, ein Buch von Robert Houze - Cloud Dynamics vor mir aufgeschlagen hatte, das Kapitel über Tornados durchstöberte und die für mich interessanten Erkenntnisse via LaTeX in einen Übungsartikel eintrug. Ein älterer Studienkollege betrat den Raum, sah mich arbeiten und fragte irritiert bis verwundert, wozu ich das mache, denn keine Vorlesung handelte davon. Ich sagte, "Weil mich das interessiert." - was ihn wortlos zurückließ.

Ich tat das einfach gerne und ich verstand oft nicht, warum man sich unbedingt nur mit dem auseinandersetzen sollte, was einem der Lehrer bzw. Professor vorsetzt. Selbst später während der Diplomarbeit, die mich an sich genug auslastete, schrieb ich nebenbei noch Fachartikel und Fallstudien, die nie in einem Journal erschienen sind. Ich hatte einen bestimmten Gedanken, und baute Ideen drum herum. Und dann schrieb ich daran, egal wie viel oder wenig Zeit ich dafür hatte. Manchmal wurden daraus riesige Schinken, etwa meine Fallstudie zu einem kleinen Randtief kurz nach Orkan LOTHAR 1999, womit ich ein langjähriges Rätsel aus meiner Jugendzeit weitgehend lüftete, oder zu einem lehrbuchhaften seichten Föhn in Nordtirol mit Kelvin-Helmholtz-Wellen, das vom damaligen Gebirgsprofessor Dino Zardi quasi peer-reviewed wurde (er hat es durchgelesen und mir einige Anmerkungen gegeben).

Ich schrieb zum Augusthochwasser 2005 in Innsbruck, zu Orkan KYRILL am 18.1.2007 ebenso wie zum Hagelsturm am 17. Juli 2010, dessen Fallstudie ich sogar noch kurz vor der Diplomprüfung fertigstellte, weil Hagel zu meinen Prüfungsthemen gehörte. Natürlich hatte ich meine Schwierigkeiten im Studium und mit vielem gekämpft, aber dieses autodidaktische Lernen bewahrte ich mir von den ersten Wetteraufzeichnungen 1997 bis zum Ende des Studiums im August 2010.

Denn mein Diplomarbeitsthema suchte ich mir selbst aus. Ich wählte umgekehrte Talwinde, sogenannte Malojawinde, benannt nach dem Malojapass im Schweizer Oberengadin. Dort weht tagsüber ein Talauswind und nachts ein Taleinwind. Ich wusste aus historischer Literatur (teils benutzte ich deutschsprachige Fachartikel aus dem späten 19. Jahrhundert), dass am Arlbergpass im Stanzertal ein ähnliches Phänomen auftritt, und fand es auch an anderen Pässen wieder. Und wollte wissen, wo die Gemeinsamkeiten sind und wie man es erklären kann. Grundlagenforschung at its best. Kein einfaches Thema, für mich recht aufwendig zu programmieren, aber eben etwas, wo ich mich austoben konnte. Ich schrieb es auf Englisch, damit die Nachwelt auch etwas davon hatte, also auch Wissenschaftler aus anderen Ländern.

Das Schreiben in allen Varianten

Schreiben war schon immer mein Lebenselixier. Ich schrieb viel auf Notizen, machte Aufzeichnungen, Tabellen, Listen und hatte meinen Spaß an Fallstudien, aber auch am Zusammenfassen des Gelesenen. Das Wissen sammeln und vermitteln, zählte zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Man könnte auch Mitteilungsdrang dazu sagen, aber der fachliche Austausch war mir immer wichtig. Im späteren Stadium des Studiums schrieb ich sogar die Autoren der Fachartikel an, die ich las, einfach, um Feedback zu geben oder selbst Fragen zu stellen. Der Austausch war in den meisten Fällen locker und sehr fruchtbar. Sonst tauschte ich mich in den Foren aus, aber hatte recht früh schon keine Hemmungen, selbst Beiträge zu verfassen. Der schriftliche Austausch fiel mir deutlich leichter als der mündliche Austausch - wenngleich auch ersteres seine klaren Nachteile hat.

Denken in Bildern

In den ersten Wochen des Meteorologie-Studiums fühlte ich mich recht unwohl. Viele Studienkollegen, keiner so wetterverrückt wie ich, und vor allem war für sie das Thema Wetter vorbei, sobald sie aus dem Hörsaal traten. [Wenn jeder Meteorologie-Student wetterverrückt wäre, hätten die Wetterdiensten ein Überangebot an Arbeitskräften.] So verbrachte ich die vorlesungsfreie Zeit oft alleine, las Fachbücher oder schrieb in Wetterforen. Neben dem Hörsaal befand sich ein abgetrennter Raum mit einem Monitor an der Wand, welcher ein stündlich aktualisiertes Satellitenbild zeigte. Ich konnte fast Stunden davor sitzen, zuschauen, wie sich die Fronten formierten und Tiefdruckgebiete weiterzogen. Selten traf ich einen anderen Meteoroloogiestudenten dort und keiner betrachtete den Satellitenbildloop so aufmerksam wie ich. Dann begann ich damit, die Bilder zu analysieren und die Position der Fronten zu bestimmen, später auch die Tröge und Gewittergebiete. Die Analysen stellte ich ins Wetterforum. Innerhalb zwei Semester summierten sich 100 Satellitenbildanalysen, die immer länger und ausführlicher wurden. Im Grundstudium Meteorologie wäre das in vier Semestern nicht behandelt worden.

Das wichtigste Werkzeug eines Meteorologen sind Wetterkarten. Und wiederkehrende Strukturen, die sich wiederholende Wetterabläufe andeuten. Sich diese einzuprägen macht aus einen Meteorologen einen erfahrenen Meteorologen. Das Einprägen erlernen ist keine Hexerei - jeder Meteorologe macht das, egal ob Autist oder nicht. Den einen fällt es einfacher, den anderen schwerer. Mir fiel es schon immer leicht, weil ich ein nahezu fotografisches Gedächtnis besitze. Das setzt aber voraus, dass sich das Layout der Wetterkarten nicht ändert, wie es bei den Karten der Wetterzentrale seit Jahren der Fall ist. Dann reicht mir eine einzige Niederschlagskarte, um die Großwetterlage zu bestimmen, die Strömungsverhältnisse und ungefähre Luftmasseneigenschaften. 

Details und fotografisches Gedächtnis

Details sind für einen Meteorologen wichtig zu beachten. Ein Detail falsch zu deuten, wie eine einzige Station mit enormen Druckfall  während der Entwicklung des Orkantiefs LOTHAR am 26.12.1999, kann gravierende Folgen für die Prognose haben. Ich kam im Zuge meines regelmäßigen Bergwanders immer wieder in brenzlige Wettersituationen. Das erste Mal ausgerechnet wenige Wochen nach dem Diplomabschluss in den Haller Mauern, als ich einen Hagelsturm mit positiven Blitz in hundert Meter Entfernung unter einer Baumgruppe überlebte. Ich hatte die neuesten Wetterentwicklungen mangels Internetzugang nicht im Blick und interpretierte die Wolkenentwicklung kurz vor dem Gewitter falsch. Ein Jahr später am Schneeberg wiederholte sich die Misere. Wieder nicht mit gerechnet, die Modelle hatten kein Niederschlag gezeigt. Aber: Ich bemerkte bei allen unerwarteten Gewittertagen eine spezielle Art mittelhoher Bewölkung, Altocumulus-Felder, manchmal flach und ausgedehnt, manchmal zinnenförmig hinaufwachsend (castellanus) wenige Stunden vor dem Einsetzen des Gewitters. Ich schlussfolgerte, dass die Altocumuli als Anzeichen für Gewitter benutzt werden konnten. Das ergibt auch meteorologisch Sinn: Mittelhohe Wolken können sich nicht durch Sonneneinstrahlung bilden, sondern benötigen großräumige Hebung, welche nur durch Fronten oder Tröge bereitgestellt werden können. Sah ich diese Wolkenart, wusste ich, dass da ein Trog oder eine Konvergenz herumlungerte. Und gerade im Gebirge, wo das Feuchteangebot höher als im Flachland ist, bilden sich bei stabiler Schichtung eher hochreichende Gewitterwolken als abseits des Gebirges. Ich verifizierte dies mehrmals und es funktionierte nahezu immer. Und selbst wenn sich kein Gewitter bildete, war ich nicht enttäuscht. Lieber ein falscher Alarm als unerwartet in lebensbedrohliche Situationen geraten. 

Ein gutes Langzeitgedächtnis ist da förderlich. Mir fallen dazu auch spontan die genauen Daten ein, etwa ...

  • 16.6.2006 - Hagelunwetter in Leipzig
  • 28.6. 2006 - Hagelunwetter in Villingen-Schwenningen
  • 10.6.2003 - F3-T7-Tornado in Acht, Eifel
  • 9.6.2004 - MCS von der Nordsee über Ostdeutschland bis Slowakei ziehend
  • 10.6.2004 - Downbursts und Tornados in Südhessen
  • 10.7.2002 Starkregen am unterfränkischen Main mit 32 mm in 3 Std.
  • 18.1.2007 Kyrill
  • 3.3.-4.3.2006 Starkschneefall in Süddeutschland, 40 cm am Untermain, 70 cm in München, 11 cm in Innsbruck (nordföhnbedingt)
  • 17.11.2009 Seichter Föhn und Kelvin-Helmholtzwellen in Innsbruck
  • 29.7.2008 - Starkregen in Röllbach/Unterfranken (50 mm in 20 min), Extrem blitzreiches Gewitter in Innsbruck mit mehreren Downbursts
  • 25.8.2012 - F2-T5 Tornado in Ellmau, Nordtirol (Bogenecho)
  • 28.10.2013 - Orkan Christian mit Sting Jet über Norddeutschland

usw...

Meine Spezialinteressen

Neben den nichtmeteorologischen Spezialinteressen (Fotografie, speziell schwarz-weiß, Schatten, Pfützen, Bergwandern-Dokumentationen, Architektur) haben sich bei mir frühzeitig zahlreiche Interessen aus dem großen Topf der Meteorologie herauskristallisiert, darunter ....

  • Hydrologie: Aufzeichnungen und Vorhersage zu den Mainhochwässern (Weihnachten 1993, Januar 1995, Oktober 1998, März 2002, Januar 2003), erfolgreich im Januar 2011 beruflich genutzt (wieder Mainhochwasser - ich konnte die Scheitelwellen vorhersagen); Starkregen-Auswirkungen, Schneeschmelze (Innhochwasser August 2005, Mai 2008)
  • Tropische Wirbelstürme: Hurrikane, Cut-Off-Umwandlungen, Medicanes, extratropische Umwandlungen
  • Sturmtiefs: Berechnung der Sturmgefahr durch Stabilität, mögliche Sting Jets in Shapiro-Keyser-Zyklonen, speziell auch Gewitterlinienbildung (z.B. Kyrill 2007 und Emma 2008)
  • Gewitter: Squall lines und großräumige Gewittersysteme, Einzelgefahren wie Hagel, Sturm und Tornados
  • Schnee: speziell Auswirkung auf Lawinengefahr (Erfahrung über Schneedeckenaufbau durch jahrelanges Schneeschuhwandern)
  • Gebirgswetter: Umfangreiche Kenntnisse über Föhn/Bora, Wellenphänomene, Talwindsysteme (Diplomarbeit)
  • Berge allgemein: Gebietskenntnis durch zahlreiche Wanderungen, Gipfelbestimmungen
  • Verifikation: Analysen, Fallstudien, Fehlersuche

DruckenE-Mail