Wetter am Berg

Wetter am Berg

Jedes Jahr gibt es am Berg Verletzte und Tote, nicht nur durch Herzinfarkt und Konzentrationsschwächen, sondern auch durch Fahrlässigkeiten in der Tourenplanung. So trifft man Touristen am Berg mit Straßenschuhen und leichter Bekleidung trotz vorhergesagter Schauer/Gewitter. Sie haben sich folglich weder über die Wegbeschaffenheit noch über die Wetteraussichten Gedanken gemacht. Leider sind selbst dann Todesfälle zu befürchten, wenn ein Wettersturz rechtzeitig, oft tagelang im Voraus, angekündigt war. 

Hinterher ist dann oft von einer "überraschenden Wetterverschlechterung" die Rede, und die Schuld wird schlimmstenfalls noch auf die Meteorologen oder den Hüttenwirt abgewälzt. Ich spreche aus Erfahrung, nicht als Meteorologe, sondern als Wanderer: Unfreiwillig kam ich am 16. August 2010 in den Haller Mauern und am 18. August 2011 am Schneeberg in ein Gewitter - in beiden Fällen gab es untrügliche Wolkenanzeichen, die auf einen Wetterumschwung hinwiesen. In letzterem Fall haben die Wettermodelle allerdings keinen Niederschlag prognostiziert, wohl aber eine Strömungskonstellation, die für Gewitter in der Rax-Schneeberg-Region typisch sind. Wie man anhand von Wolkenarten erhöhte Gewittergefahr erkennen kann, dazu später mehr.

Merke:
Das Wetter schlägt nicht plötzlich um. Stundenlanger Regen oder Schneefall ohne vorherige Anzeichen in meteorologischen Parametern bzw. Bewölkung ist äußerst unwahrscheinlich. Vielfach resultiert die Überraschung aus einem Informationsdefizit, aus Selbstüberschätzung und aus mangelnder Vorbereitung bei der Tourenplanung.

1. Wettervorhersage und Interpretation:

Zuverlässige Wetterberichte findet man bei Spezialisten, etwa beim Alpenverein, und bei jenen, die Erfahrung für ihre Region haben, z.B. Hüttenwirten, wobei man sich hierauf aus folgendem Grund nicht immer 100 % verlassen sollte: Viele Hüttenwirte beziehen ihre Prognosen von einem externen Wetteranbieter, meist handelt sich dabei um Punktprognosen, die automatisch erstellt werden.

Automatisch erstellte Prognosen (Werte + Wettersymbole) suggerieren eine Genauigkeit, die de fakto nicht möglich ist. Niemand hat bisher über einen längeren Zeitraum derartige Produkte getestet bzw. Tests veröffentlicht, Stichproben ergeben jedoch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Fehlprognosen, insbesondere bei Gewitterwahrscheinlichkeit, Tiefstwerte bei Schneebedeckung und Höchstwerte bei Hochnebel. Nebel/Hochnebel zählen zu den schwierigsten Vorhersageparametern überhaupt und werden von Modellen relativ schlecht erfasst.

Relativ leicht lässt sich die Vertrauenswürdigkeit von Punktprognosen testen, wenn man sich zugehörige, händisch erstellte, Textprognosen anschaut. Werden hier deutliche Unterschiede sichtbar (z.B. ist im Text von Gewittern die Rede, und die Wettersymbole zeigen nur Sonne und Wolken), würde ich immer den Texten Vorzug geben. Im Zweifelsfall hat die Erfahrung eines Vorhersagers Vorrang, der die Stärken und Schwächen von Wettermodellen (und daraus abgeleiteten Punktprognosen) kennt.

Zudem können je nach verfügbarer Länge des Wetterberichts Details stärker herausgearbeitet werden als in reinen Symbolvorhersagen. Je nach Region entstehen Wärmegewitter bevorzugt mittags, nachmittags oder abends und können bei nur ein oder zwei Symbolen pro Tag unter den Tisch fallen.

Vorsicht geboten ist bei Massenmedien, z.B. Radio- und Fernsehwetter, insbesondere aber auch bei Tourismuswetter: Hier geht der Trend zur Beschönigung der Wetterlage. Aus möglicherweise schadensträchtigen Gewittern werden gewittrige Schauer, obwohl Gewitter mit geringer Blitzaktivität oft mehr Wolke-Erde-Blitze produzieren als Frontgewitter. Aus Sicht der Lift- und Hotelbetreiber ist ein "Schlechtwetterbericht"  naturgemäß nicht gerne gesehen, da er potentielle Kunden/Urlauber abschreckt.

Merke:
Händisch erstellte Textprognosen sind häufig genauer und zuverlässiger als automatisch erstellte Punktprognosen. Im Zweifelsfall Experten hinzuziehen, die alpine und regionale Erfahrung haben (Alpenverein, Hüttenwirte, Lawinenwarndienst, Meteorologen mit alpiner Erfahrung). Möglichst mehrere Wetterberichte anschauen, wenn die Wetterlage unsicher ist. Tourismuswetterberichte meiden - sie versprechen oft "das Blaue vom Himmel herunter".

2. Aktuelle Wetterverhältnisse

Um keinen wissenschaftlichen Aufsatz daraus zu machen:

Jeder Wetterlaie hat zur Verfügung:

  • Webcams, die über den aktuellen Wetterzustand vor Ort informieren (Schneelage, Bewölkung)
  • Satellitenbilder in viertelstündlicher bis stündlicher Auflösung, die Nebel/Hochnebel (nachts), großräumige Bewölkungsverhältnisse (z.B. aufziehende Kaltfront, Gewitter) 
  • Radarbilder in viertelstündlicher bis halbstündlicher Auflösung, die die Niederschlagsentwicklung zeigen (in Österreich gibt es kein frei verfügbares Radar in hoher Auflösung, ausgenommen für Segelflieger, wohl aber in den Nachbarländern, deren Radarerfassung bis nach Österreich hineinreicht)

3. Prognosen selbst erstellen

Frei verfügbar für jeden Nutzer sind die GFS-Modellkarten der Wetterzentrale im Mitteleuropa-Ausschnitt.

Hier ist die Niederschlagskarte zu jeder Jahreszeit am Wichtigsten, und soll für einen schnellen Überblick, ob es regnet oder trocken bleibt, reichen. Hilfreich ist hier zudem die Angabe der Nullgradgrenze in Metern. Davon 400 m abgezogen erhält man als Faustregel die Schneefallgrenze, was zumindest dann gilt, wenn viel Wind dabei ist. Bei wenig Wind kann die Schneefallgrenze in Tallagen liegen, selbst wenn die Nullgradgrenze auf 2000 m liegt. Angegeben sind die Niederschläge in mm (1 mm = 1 dm³/m² = 1 l/m²) und pro dreistündigem Zeitintervall. Um zu verstehen, was genau da berechnet ist, muss man in die Modellphysik einsteigen. Es soll an dieser Stelle diese Info genügen, dass man den Niederschlag nicht 1:1 abmalen darf, vor allem dann nicht, wenn es sich um Schauer/Gewitter-Niederschlag handelt! Auch bei geringen Signalen (< 1 mm) können bereits Gewitter mit Starkregen und Hagel dabei sein, umgekehrt bedeuten 5 mm Niederschlag nicht zwangsläufig, dass auch so viel fallen. Das hängt von den Begleitumständen und anderer Faktoren ab.

Ebenso gibt es 10 m-Wind, 700 hPa-Wind (700 hPa = ca. 3000 m Höhe) und Temperaturkarten, im Prinzip all das Handwerkzeug eines Meteorologen, und für eine Bergwetterprognose ausreichend. Das setzt allerdings ein geschultes Auge und Grundlagenwissen voraus, deshalb nicht für jeden geeignet.

Es geht noch einfacher:

Tage im Voraus schaut man über besagte Niederschlagskarten, ob generell Niederschlag zu erwarten ist, ob er flächig ausfällt, und wo die Schneefallgrenze liegt. Ich möchte im Sommer auf keinen 3000er gehen, wenn ein Temperatursturz zu erwarten ist.

Aktuelle Wetterdaten finden sich oft auf Seiten der Lawinenwarndienste, inkl. Windrichtung und -geschwindigkeit, Temperatur, Luftfeuchte und Schneehöhe, sowie auf Seiten der Wetterdienste (WetterTV, ZAMG, ORF-Wetter) und manchmal auch bei Privatpersonen, die Wetterstationen betreiben. 

Ein nützliches Hilfsmittel sind Webcams und Satellitenbilder. Erstere muss man ein bisschen suchen und zeigen oft nicht das, was man sehen will, aber die Frage, ob die Sonne scheint oder nicht, lässt sich oft klären. Etwa im Herbst und Winter, um Hochnebel auszuschließen. Letztere findet man z.B. bei Sat24 im Alpenausschnitt oder beim tschechischen Wetterdienst im 24-Stunden-MF-Ausschnitt, der besonders Nebel und Hochnebel in der Nacht gut erkennen lässt.

Davon abgesehen gibt es natürlich für Smart- und I-Phones jede Menge "Applikationen", wie Radar, Satellitenbild, Wetter, etc... oder allgemein die Möglichkeit, via Internet am Handy die neuesten Wetterdaten und Radarbilder abzurufen. Das ist in den Alpen je nach Netzabdeckung jedoch nicht immer möglich, und kann im Ernstfall sogar ein Nachteil sein, wenn durch Überbeanspruchung der Apps der Akku dann nicht lange genug hält, um Hilfe rufen zu können.

4. Bedingungen am Berg

Je nachdem, was man gehen will, sind die Bedingungen am Berg sehr wichtig. Nässe ist generell unangenehm, wenn steile Wiesen, Schotterfelder oder ungesicherte Felspassagen absolviert werden müssen. Kalte Nächte begünstigen generell Tau- und Reifablagerung, die bei felsigen Wegstellen gefährlich sein können. Bedenken muss man auch Passagen, die tagsüber in der Sonne liegen, wo sich der Reif später verflüssigt und eine schmierige Unterlage bildet. Ungünstigerweise scheint die Sonne nur kurz, sodass das Schmelzwasser zu Eis gefriert. Die Gefahr besteht vor allem im Herbst, wenn die Sonne sehr tief steht. Kaltes, mitunter nachts gefrierendes Schmelzwasser ist außerdem ein Thema in Schluchten und Klämmen bis in den Frühsommer hinein und kann ggf. den Einsatz von Steigeisen notwendig machen.

Wegpassagen, die bei Trockenheit gut zu begehen sind, können nach einem Regenschauer gefährlich rutschig werden, darum sind Wanderstöcke generell hilfreich. Auch nasses Laub im Wald darf man nicht unterschätzen, besonders wenn darunter Wurzeln, Äste oder lose Steine verborgen sind.

Eine weitere Gefahr sind Altschneefelder, insbesondere in steilem Gelände. Sie sind bei tiefen Temperaturen oft hart gefroren und ohne Steigeisen schwierig zu durchqueren. Besser geht es da bei warmer Luft, wenn die Kristallbindungen aufbrechen und der Schnee weich wird. Dies kann jedoch bei viel Schnee sehr kraftraubend sein, wenn der Harschdeckel zu dünn ist und man bis zur Hüfte einbricht. Die Länge der Wintertour richtet sich also auch nach der Konsistenz der Schneedecke und der tageszeitlichen Erwärmung, nicht zuletzt auch nach der Lawinengefahr.

5. Verhaltensregeln bei Gewitter

Wenn man während der Wanderung vom Gewitter überrascht wird, hat man nur drei Möglichkeiten: Zurückgehen, stehenbleiben und weitergehen. Was klüger ist, hängt davon ab, wie die Umgebung beschaffen ist und welcher Gewittertyp vorliegt.

Grundsätzlich gilt, dass die Blitzschlaggefahr am gefährlichsten ist. Von größeren Hagelkörnern holt man sich höchstens blaue Flecken und der Sturmgefahr kann man zusammengekauert trotzen. Starkregen ist dann problematisch, wenn man sich in Rinnen oder Schottergelände aufhält bzw. generell in murenanfälligem Gelände. 

Meiden sollte man in jedem Fall exponierte Kuppen, Kämme, Grate und freies Gelände, da man dann den höchsten Punkt in diesem darstellt. Auch isoliert stehende Bäume stellen ein ideales Ziel für Wolken-Erde-Blitze dar.  Wenn keine Schutzhütte oder eine Höhle verfügbar ist, hilft nur eines:

  • Metallgestände weit weg vom Körper (leitend!)
  • am Boden dicht zusammenkauern, auf keinen Fall breitbeinig stehenbleiben (Schrittspannung verringern!)

und solange warten, bis das Gewitter sichtbar abgezogen ist.

Es gibt nämlich einen tückischen Zeitraum: Der Regen wird spürbar schwächer und die Wolken lockern auf. Vermeintlich ist es vorbei. Plötzlich erbebt die Erde und der letzte (positive) Blitz schlägt in unmittelbarer Nähe ein. Diese Blitzart entsteht hauptsächlich zwischen dem Amboss der Gewitterwolke im oberen Wolkenstockwerk und dem Erdboden, legt also eine weite Vertikaldistanz zurück und kann selbst in deutlicher Entfernung vom Niederschlagsbereich des Gewitters stattfinden - im Extremfall mehrere Kilometer entfernt. Im Zweifelsfall also lieber länger warten, ehe man sich erhebt und weitergeht.

In jedem Fall hat die Suche nach Schutz vor Blitzschlag Vorrang. Der Umstand, dass man einmal einem Gewitter erfolgreich davongelaufen ist, besagt nicht, dass beim nächsten Mal ein einzelner Blitz nicht schneller sein kann.

Sitzt man beim Aufzug eines Gewitters in einer Hütte, bleibt man am besten dort. Gerade Hüttenwirte können häufig - leider nicht immer - einschätzen, wann ein Gewitter im Anmarsch ist (etwa plötzlicher Nebeleinfall und Windwechsel) und auf was man sich gefasst machen muss. Sind weitere Gewitter angesagt, so sollte man sich trotz zwischenzeitlicher Regenpausen auf eine rasche Wetterverschlechterung vorbereiten, d.h. wenn eine Fortsetzung der Wanderung unumgänglich ist, auf genügend Unterstellmöglichkeiten auf dem weiteren Weg achten. Es gibt nämlich auch Wetterlagen, wo mehrere Gewitter über dieselbe Region ziehen und die Tageszeit zweitrangig ist. Da ist es dann nach einem Gewitter eben nicht vorbei und vorzeitige Entwarnung kann fatal enden.

6. Anzeichen erkennen

Wolken sind die wichtigsten Wetterelemente, um einen Wettersturz vorherzusehen.

Im Sommer möchte ich am Berg höchstens Schichtwolken sehen, die auf stabile Luftschichten hinweisen. Wolkenlosigkeit in der Früh hingegen ist kein Garant für geringe Gewittergefahr. Gewitterwolken, die nicht an eine Kaltfront gebunden sind, entwickeln sich im Sommer überwiegend durch aufsteigende Warmluftblasen, also erst im Tagesverlauf.

Der Kardinalsfehler, den viele Nichtmeteorologen begehen, ist, von jetzt auf nachher zu schließen:

"Keine Wolke zu sehen - heute passiert sicher nichts."

Neben den Wolken ist auch die Windrichtung und Stärke im Gebirge ein Indiz für das Potential von Schwergewittern; das gilt nicht nur für die Gipfellagen, sondern auch für die Täler. Wind, der das Tal hinauf weht, deutet auf ungestörte Verhältnisse hin. Weht er hingegen das Tal hinab, ist böig und kalt, so handelt es sich um Kaltluft, die durch ein nahendes Gewitter produziert wurde.Mit der Höhe zunehmender Wind deutet zwar einerseits auf Föhn (meist Gewitter unterdrückend) hin, andererseits aber auch erhöhtes Potential für organisierte Gewitter. Organisiert heißt in diesem Zusammenhang: Auf- und Abwindbereiche sind getrennt, das Gewitter wird dadurch langlebiger und ist fähig, größeren Hagel (> 2 cm) und Sturmböen (> 75 km/h) zu produzieren.
 
Weiters lässt häufiges Donnergrollen eines nahenden Gewitters auf viele Wolken-Erde-Blitze und damit erhöhte Blitzschlaggefahr (Lebensgefahr!) schließen.
 
Nachfolgende Fallbeispiele stammen alle von eigenen Wanderungen mit und ohne "Unwetter"-Berührung. In allen Fällen gab es Anzeichen für eine Wetterverschlechterung in Gestalt von Wolken oder Windrichtungswechsel. 
 

6.1 Föhnwolken

Föhn wird häufig mit dem Südföhn in den Nordalpen bzw. dem Nordföhn in den Südalpen verbunden. Tatsächlich existiert Föhn an jedem Gebirge, auch an kleineren Mittelgebirgen, nur sind die Merkmale dann meist nicht so markant ausgeprägt. Das physikalische Prinzip ist jedoch dasselbe.
 
Abb.1: Flache Quellwolken über der Nordkette (8.12.06)
leewelle-8-12-06
 
Typisch für Südföhn in Innsbruck ist die Bildung einer charakteristischen Wolkenschlange, die sich entlang der Nordkette mit scharf begrenzter Unterseite über Stunden hinweg hält. Sie entsteht durch den aufsteigenden Ast der Leewelle: Der Südföhn prallt gegen die Nordkette (in Blickrichtung) und wird zum Aufsteigen gezwungen. Dabei kühlt die Luft feuchtadiabatisch ab und bildet Wolken. Föhnbedingt sind diese Quellwolken meist nicht sehr mächtig und neigen kaum zu - in der Segelfliegersprache - Überentwicklungen genannten mächtigen Haufenwolken.
 
Abb.2: Altocumulus lenticularis über den Türnitzer Alpen (23.10.11)
Tirolerkogel mit Föhnwolke
Während einer Hochdrucklage mit hochnebelartigen Wolken hatte sich ein Kaltlufttropfen in der Höhe hineingemogelt. Das Höhentief hob den Hochnebel weiter an, sodass die niedrigsten Gebirgszüge (beispielsweise Wienerwald, Gutensteiner Alpen) von der Wolkendecke überströmt wurde. Die lebhafte Südostströmung führte im Lee zu Absinken und Auflockerungen. So schien im Bereich der Türnitzer Alpen - hier: Tirolerkogel (1380m) - tagsüber häufig die Sonne, während es weiter östlich und nördlich bedeckt durch Hochnebel blieb. Charakteristikum für den föhnigen Südostwind: die linsenförmige Wolke.
 
Abb.: 3 Altocumulus lenticularis am Alpenostrand (7.7.11)
Ac len
Hier fällt die Zuordnung zugegebenermaßen schwer: Linsenwolken können sowohl durch Berge als auch durch kräftige Aufwinde, die wie Hindernisse in der Strömung aufragen, verursacht werden. Da die besagte Wolke bei lebhafter Nordwestströmung über dem Schneeberg (2076m) am Alpenostrand fotografiert wurde, kommt beides in Frage. Im Gegensatz zu den vorherigen Beispielen ist die Wolke hier kein Garant für stabiles Wetter. Die darunterliegende Quellwolke hat bereits das moderate Stadium (Cumulus mediocris) erreicht, die Linsenwolke wiederum deutet auf erhöhte Feuchte in der mittleren Atmosphäre hin, d.h. das Potential für hochreichendere Quellwolken ist gegeben. Tatsächlich gab es ca. zwei Stunden nach der Fotoaufnahme Schauer und Gewitter in dieser Region.
 

6.2 Flache Quellwolken

Für den Bergsportler gibt es gute und böse Quellwolken. Die guten sind horizontal länger als vertikal und in ihrem Wachstum durch eine Sperrschicht (Temperaturinversion) begrenzt. Die bösen sind vertikal länger als horizontal und wachsen nach oben, bis sie vereisen und zur Schauer- bzw. Gewitterwolke heranreifen. Selbst wenn der Bergsportler beide Typen voneinander unterscheiden kann, lautet die Gretchenfrage: Wann wird aus der guten eine böse Quellwolke?
 
Abb.: 4 Cumulus humilis über den Tuxer Alpen (24.08.08)
Blaser, Stubaier Alpen
Im Tagesgang bildeten sich über den Gebirgskämmen der Stubaier und Tuxer Alpen flache Quellwolken, die in ihrer Mächtigkeit an einer Absinkinversion an ihre Grenzen stießen. In diesem Fall war die Länge doppelt der Höhe, worüber sich die flache Haufenwolke (Cumulus humilis) definiert. In höheren Luftschichten waren keine Wolken vorhanden, was auf mangelnde Feuchte hindeutet und Überentwicklungen unwahrscheinlicher werden lässt.
 
Abb.5: Cumulus humilis über Südtirol, 23.08.09
sarner-weisshorn-27-08-2009
Gleiches gilt auch für die in Südtirol fotografierten Quellwolken, die als "Wolkenbänke" den Himmel überziehen. Auch hier handelt es sich um Cumulus humilis. Hier begrenzte eine markante Inversion in 2,5 -3,0 km Höhe die vertikale Ausdehnung der Wolken. Zwar hielten sich in der oberen Troposphäre ein paar dünne Schleierwolken auf, sie verdichteten sich aber kaum. Bleibt es auch um die Mittags- und frühe Nachmittagszeit noch bei derartig länglichen, flachen Quellwolken, so ist auch in weiterer Folge mit "Schönwetter" zu rechnen - vorausgesetzt es ist keine Kaltfront im Anmarsch, die sich jedoch durch den Aufzug hoher (und mittelhoher) Wolken ankündigen würde.
 

6.3 Hochreichende Quellwolken

Hochreichenden Quellwolken, die vom Cumulus congestus (nicht vereist), Cumulonimbus capillatus (vereisend), calvus bis incus reichen, sollte der Bergsportler viel Aufmerksamkeit schenken. Diese Wolkenarten sind fähig, Schauer (nicht vereisend) bzw. Gewitter (vereisend) zu produzieren. Die Bedingungen für langlebige, kräftige Gewitter sind desto günstiger, je mehr Wolken sich in der Nachbarschaft befinden. Diese verhindern, dass die Gewitterwolke von den Rändern her durch trockene Luft verdunstet.

Abb.6: Isolierter (relativ flacher) Cumulonimbus-incus über dem Karwendelgebirge, 18.09.09

hafelekar-18-9-09-1
Das Bild wurde vom Hafelekar in der Abendsonne aufgenommen und zeigt eine relativ schmale Gewitterwolke, in deren Umgebung sich keine weiteren (hochreichenden) Wolken befinden. Weiter links (im Nordwesten) sieht man lediglich Reste (Fallstreifen) einer bereits zerfallenen Gewitterwolke. Die Weiterentwicklung zu einem Gewitter ist zu diesem Zeitpunkt eher unwahrscheinlich, da mit der untergehenden Sonne der Energienachschub abreißt und gleichzeitig von den Seiten trockene Luft in die Wolke einströmt und diese auflöst. Wenig später ereilte die Gewitterwolke das Schicksal ihrer Vorgängerin.
 
Abb.7: Cumulonimbus-incus über Südtirol, 18.9.09
hafelekar-18-9-09
Über den Dolomiten, zwischen Langkofel und Rosengarten, entstand am Abend ein kräftiges Gewitter - zum Zeitpunkt der Aufnahme etwa 11 km hoch und rund 80 km vom Standort (auf der Hafelekarspitze) entfernt.
Im Gegensatz zu Abbildung 6 ist diese Gewitterwolke viel breiter und höher, zudem deuten die vorgelagerten, flachen Quellwolken auf großflächige Aufwärtsbewegungen hin, die das Gewitter mit Feuchtenachschub versorgen. Entsprechend verursachte das Gewitter Starkregen und Hagelschlag sowie Sturmböen in Südtirol.
 
Nachfolgende Fallbeispiele behandeln, wie man den Aufzug von Gewittern anhand von Wolken in verschiedenen Stockwerken der Atmosphäre vorhersagen kann:
 

6.4 Gewitter am Schneeberg: 18.08.2011

Abseits von tageszeitlich bedingter Quellwolken- und Wärmegewitterbildung sind dynamische Hebungsprozesse maßgeblich beteiligt. Dynamik heißt (vereinfacht): Ein in höheren Luftschichten ausgeprägtes Tiefdruckgebiet, das für großräumige Aufwärtsbewegungen und nachfolgend Wolkenbildung sorgt.

An besagtem Tag hatten die Wettermodelle mit der kräftigen Tageserwärmung Südost- bis Ostwind am Alpenostrand und Nordwind in den Niederösterreichischen Voralpen simuliert, sodass sich im Bereich von Hochschwab bis Rax-Schneeberg eine Bodenkonvergenz ausbildete. Jedoch rechnete kein Modell dazu Niederschlag, sodass ich diese Konvergenz nicht weiter beachtete.Was die Modelle schlecht erfassten: In der Höhe ging ein schwacher Trog durch, der für Hebungsantrieb sorgte. Bei der vorherrschenden hochsommerlichen Luftmasse (Taupunkte um 19°C bei Höchstwerten um 30°C) war diese schwache Störung ausreichend, um Gewitterbildung auszulösen.

Merke:
Ein guter (Hobby-) Meteorologe schaut nicht nur auf den vorhergesagten Niederschlag, sondern auch auch auf Höhenwetterkarten, um mögliche Quellen für Hebungsantrieb ausfindig zu machen. Entscheidend ist mitunter die Modelltopographie (gerade der Alpenostrand ist in Globalmodellen unterrepräsentiert) sowie orographische Hebung generell, um (schwache) Inversionen zu überwinden.

Im Fall des 18. August 2011 hätte es möglicherweise nicht einmal eines Kurzwellentrogs bedurft, um die Absinkinversion zu knacken. Dies verdeutlicht der Blick auf den Radiosondenaufstieg in Wien, der etwa zeitgleich mit der Bildung der Gewitter stattfand:

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Abbildung 8 offenbart eine ausgeprägte Absinkinversion in 1500 m, was in etwa der mittleren Höhe der Voralpen bzw. des östlichen Berglands entspricht. Die violette Kurve kommt durch den Aufstieg aus der Bodenschicht (Temperatur und Taupunkt gemittelt aus den untersten 500 m) zustande, und verläuft bis ca. 3500 m links der realen Temperaturkurve, d.h. ein aufsteigendes Luftpaket wäre bis dahin kälter als die Umgebungsluft und würde absinken. Erst darüber existiert eine kurze Schicht mit Labilitätsenergie (CAPE).

Da der Aufstieg rund 60 km nördlich der Gewitter, in Wien-Hohe Warte, ausgeführt wurde, habe ich nun Beobachtungsdaten aus der Umgebung (Pottschach-Ternitz, Puchberg, Hohe Wand, Rax-Seilbahnstation) einfließen lassen (rote Punkte), wodurch sich in der Bodenschicht eine feuchtere Luftmasse ergibt. Startet man im modifizierten Aufstieg (rechts, hellgrün) von 1500 m, so befindet sich die Aufstiegskurve immer rechts der Temperaturkurve, d.h. ein aufsteigendes Luftpaket ist immer wärmer als die Umgebungsluft und kann weiter aufsteigen.

Schlussfolgerung: Orographisch erzwungenes Aufsteigen reichte aus, um die Inversion zu überwinden, zumal die höheren Luftschichten über den Voralpen feuchter als im Wiener Becken waren.

Nach soviel Theorie ein paar Bilder von der Wanderung:

Abb.9: Der Vormittag begann trügerisch: wolkenlos

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Beim Aufstieg vom Losenheim-Sesselhaft zum Fadensteig (an der Bergflanke, rechts) am frühen Vormittag (ca. 9.30 MESZ) war der Himmel noch wolkenlos und mein Mitwanderer sagte noch: "Heute passiert nichts, es ist ja keine Wolke zu sehen."

Abb.10: Erste Anzeichen am Mittag: Altocumulus-Felder

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Um die Mittagszeit (ca. 13.00 MESZ) waren über den Voralpen neben ersten, flachen Quellwolken (rechts) ausgedehnte Altocumulus-Felder sichtbar. Sie waren zwar sichtbar schichtförmig und wuchsen nicht in die Vertikale. Dennoch sind sie ein deutliches Alarmzeichen: Altocumulus befindet sich in großen Höhen (3-7 km) entsteht nicht mehr durch Einstrahlung, sondern ausschließlich durch dynamisch erzwungene Hebung. Hier signalisierte diese Wolkenart die Annäherung des Kurzwellentrogs. Zudem deutet sie auf Feuchteeinschub in mittleren Schichten hin, den Gewitterwolken beim Wachstum in der Vertikalen benötigen, um nicht auszutrocknen.

Abb.11: Föhnwolke, hier: Indikator für erhöhte Feuchte in der Höhe

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Gewöhnlich sind Föhnwolken ein willkommener Anblick, hier deuten die linsenförmigen Wolken jedoch auf Feuchtezufuhr im mittleren Wolkenstockwerk hin. Die Form zeigt an, aus welcher Richtung der Höhenwind weht, hier: Südwestwind. Ein Gewitter, das sich also im Bereich von Schneealpe und Rax bildet, verlagert sich in Richtung Schneeberg weiter. Die Quellungen über den nördlichen Ausläufern des Semmerings und des Wechsels sind zwar noch harmlos, jedoch wechsen sie im linken Bildbereich deutlich senkrecht in die Höhe. 

Abbildung 11 wurde nur ca. 1 Stunde vor der Gewitterbildung aufgenommen.

Abb.12: Cumulus congestus (hochreichende Quellwolke) hinter der Rax

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Schauten die Quellwolken in Abb.11 noch harmlos aus, so sind sie zum selben Zeitpunkt ein paar Kilometer weiter südwestlich deutlich hochreichender und insgesamt breiter. In der Bildmitte sieht man das gemauerte Gipfelhäusl auf der Heukuppe (2007m), Raxalpe. Dahinter befinden sich Veitsch und Schneealpe und genau darüber entstand auch die erste kräftige Gewitterzelle, die später zu meinem Standort weiterzog.

In weiterer Folge wurden wir beim Abstieg in den Latschenfeldern vom Gewitter erfasst, es donnerte häufig und immer näher. Ich suchte daraufhin bei der Zahnradbahn Unterschlupf an einer Tunnelöffnung, während mein Begleiter weiter ins Tal abstieg. Die Auswertung der Radarbilder ergab, dass ich mich zwar stets nur am Rande der Gewitterzelle befand, aber Blitze nur wenige hundert Meter entfernt einschlugen, und vor allem reichlich Wolken-Erde-Blitze stattfanden. Weiters entwickelten sich mehrere Gewitterzellen, die sich nur langsam verlagerten. So konnte ich erst nach einer Stunde Wartezeit absteigen, während gleichzeitig immer noch Wanderer aufstiegen (!).

Abb.13: Gewitterwolke über dem Schneeberg

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Der Abschluss der Serie, Abbildung 13, zeigt das aufgelöste Gewitter nördlich des Schneebergs (mit Sonne dahinter), wovon nur noch der Ambossschirm übrig blieb. Weiter südlich hatte sich dagegen der nächste Wolkenturm hin die Höhe geschraubt, er brachte erneut Regen und ein paar Blitze.

Erlebnisse dieser Art hatte ich in den letzten Jahren öfters, z.B. am 16. August 2010 in den Haller Mauern, am 7. Juli 2011 am Hochlantsch, Fischbacher Alpen, und am 12. August 2011 in den Pfunderer Bergen in Südtirol. In den Haller Mauern wurden wir vom Gewitter überrollt (Starkregen, Hagel, Sturmböen, ein Naheinschlag), am Hochlantsch stieg ich rechtzeitig ab und in Südtirol entkamen wir dem Gewitter ebenfalls mit rechtzeitigem Abstieg. Glimpflich ging es auch am 12. und 13. August 2010 in der Goldberggruppe, Hohe Tauern aus, mit einem Regenschauer und nächtlichen Gewittern.

Merke:
In allen Fällen gab es sichtbare Anzeichen in Gestalt von Altocumulusfeldern unterschiedlicher Ausprägung (Linensform, Zinnenform, schichtförmig).

6.5 Gewitter in den Haller Mauern, 16.August 2010

Abschließend möchte ich den Fall von den Hauer Mauern näher beleuchten. Der Umstand, zu diesem Zeitpunkt ein seit zwei Wochen diplomierter Meteorologe zu sein, der wider besseren Wissens ins Gewitter gerät, erhöht die parodoxe (man könnte auch sagen: kompromittierende) Situation dieses Ereignis. In Anlehnung an Chuck Doswell könnte man auch von "a forecaster's defining moment" sprechen.

Abb.14: Starker Südwestwind (Föhn) in den Haller Mauern

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Wir fuhren am 15.8.10, Vormittag vom Mölltal über die Tauern zu den Haller Mauern nach Admont und wanderten zur Admonter Hütte am Grabentörl (1723m). Dort blies am Abend ein strammer südlicher Wind (Föhn), im Hintergrund von Abb.14 (unten das Ennstal) über den Rottenmanner Tauern hielten sich flache, harmlose Quellwolken. Darüber (etwa links der Fahne) waren auch mittelhohe Wolken auszumachen - also trotz Föhn reichlich Feuchte im unteren und mittleren Wolkenstockwerk.

Abb.15: Ausgedehnter Altocumulus sowie Cumulus congestus im Nordwesten

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Wir stiegen am Abend noch auf die Admonter Warte (1804m), um den Sonnenuntergang zu genießen. Für mich sollte es der einzige Gipfel dieser 2-Tages-Tour bleiben. Oben wehte unveränder stürmischer Südwind und über die Haller Mauern hinweg sah man Richtung Totes Gebirge einen mächtigen Cumulus congestus stehen. Dieser blieb zwar harmlos (abnehmende Schauerneigung am Abend), deutete aber auf hochreichend günstige Verhältnisse für Wolkenbildung hin. Zudem breiteten sich darüber ausgedehnte Altocumulusfelder aus - eine Wolkengattung, die nicht für eine stabile Föhnwetterlage spricht.

Abb.16: streifenförmiger Altocumulus am 16.8.10, vormittag

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Beim Aufstieg zum Mittagskogel hing nördlich des Grabentörls Nebel im Tal, darüber entwickelten sich bereits erste Quellwolken. Zudem waren abermals Ac-Felder zu sehen, hier eher schichtförmig, aber recht ausgedehnt.

Abb.17: flockiger Altocumulus wenig später

 

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Wenig später sind nördlich der Haller Mauern neben länglichem Ac (rechts unten) auch flockiger Ac (mittig) erkennbar. Das Zeitfenster vor dem Einsetzen der Wetterverschlechterung verkürzt sich deutlich - meist treten diese Wolken 3-6 h vorher auf.

Abb.18: Vermehrte (flache) Quellwolkenbildung, vorübergehend Cirrus

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In weiterer Folge zogen vermehrt flache Quellwolken (hier: humilis, rechts mit Tendenz zu mediocris) durch, in der Höhe hielt sich zog vorübergehend Cirrus durch, der gewöhnlich Fronten (weit) vorauseilt. Gemeinsam mit dem gesichteten Ac und den tiefen Wolken war nun Feuchte in allen Höhen vorhanden. Man beachte die Ausgangssituation: im Tal nördlich (links) der Hütte hing Nebel/Wolken, südlich (rechts) war es anfangs wolkenfrei.

Abb.19: Stratusbewölkung in den Oberösterreichischen Voralpen

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Das Bild hatte sich innerhalb kurzer Zeit dramatisch gewandelt: Vom Toten Gebirge her strömte feuchte, kühlere Luft mit Nebenwolken über die tiefergelegenen Einschnitte der Haller Mauern. Im Hintergrund links handelt es sich wahrscheinlich um eine ausgedehntere Gewitterwolke im Reifestadium (incus). Deren Niederschlag sorgte für Verdunstungskälte und die kalte Luft trieb vom Gewitter weg (auch "Outflow" genannt).

Abb.20: Windwechsel am Grabentörl: Starker Nordwind und Nebel

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Dass die Nebelschwaden kein lokaler Effekt blieben, bewies die Sitation am Grabentörl. Kurz zuvor saß ich noch etwas weiter oben und drehte Filmchen zur Bannerwolke. Innerhalb weniger Minuten hatten mich die Nebelschwaden aber eingehüllt und stießen auf die Südseite des Törls hinab. Zunächst mit wenig Wind, zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits mit starken Böen.

Anders gesagt: Davor hatte sich ein Gleichgewicht eingestellt. Vom Süden strömte die Luft hangaufwärts, erzeugte auf der Nordseite des Törls einen Unterdruck und saugte damit bodennah feuchte Luft an, die hangaufwärts stieg und die Bannerwolke bildete.

Plötzlich hatte sich die Lage aber geändert, das Gleichgewicht zerstört: Von Norden strömte nun auf breiter Front (es war tatsächlich eine Kaltfront) feuchte und kältere Luft heran - der Wind drehte und frischte später mit dem Einsetzen des Gewitters stürmisch auf. Zum Zeitpunkt der Aufnahme donnerte es auch schon ganz leise, wobei der Nebel die tatsächliche Nähe des Blitzeinschlags kaschierte. Etwa zehn Minuten später setzten Sturmböen ein, kurz darauf kleiner Hagel bis 1 cm und schließlich Starkregen. Wir waren zu dritt und befanden uns bereits in den Latschenkieferfeldern, die keinerlei Schutz vor Wetter und Blitzschlag bieten. Die Rettung war ein kleines Waldstück, die Alternative wäre eine freie, exponierte Kuhwiese gewesen. 

Davon abgesehen, dass wir gut eine Stunde ausharren mussten, dabei völlig durchnässt wurden, und immer wieder Hagel auf uns herabprasselte, hatten wir Glück. Jedoch war der Abzug des Gewitters trügerisch: Der Regen wurde schwächer, in der Ferne war blauer Himmel sichtbar. Der wolkenlose Anteil wuchs, ich stand auf. Plötzlich zogen - bedingt durch den starken Regen und die Abkühlung - Nebelschwaden vom Tal auf und hüllten uns ein. Genau in dem Moment kam der letzte und näheste Blitzeinschlag, vielleicht hundert Meter entfernt. Respektivvoll blieben wir weitere 20 min sitzen und ließen uns nassregnen, ehe wir uns an den Abstieg wagten.

Die Rede ist von einem positiven Blitz, der zwischen Ambosswolke und Boden die größte Ladungsdifferenz ausgleicht, also weit vor und nach dem Niederschlagsbereich entstehen kann.

Abb.21: Nach dem Unwetter: Abziehende Gewitterwolke hinter dem Gesäuse

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Beim Abstieg hatte sich das Gewitter nach Nordosten verzogen, und befand sich hier schon in stattlicher Entfernung vom Gesäuse, etwa zwischen Hochschwab und Eisenwurzen. Allerdings war die Wetterberuhigung nur von kurzer Dauer und rund eine Stunde später zogen weitere Gewitter heran, die allerdings nicht mehr die Intensität unseres Gewitter erreichte. Wie sich später herausstellte, war unser Schicksalgewitter eines der heftigsten des Tages in ganz Österreich, und außerdem eines der wenigen, das (später) größeren Hagel produzierte.

Abb.22: Blitzdichte am 16. August 2010 zwischen 08 und 20 MESZ

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Die Auswertung der Blitzdaten (Copyright: UBIMET) ergibt, dass das Gewitter nur wenig westlich/südwestlich der Haller Mauern entstanden sein musste, das Ennstal westlich von Admont blieb bis zum Abend gewitterfrei. Wie passt das mit den nordwestlich einströmenden Nebelschwaden zusammen? Nun - von dort kam die kalte Luft der Kaltfront, während weiter südöstlich noch warme und labil geschichtete Luft vorherrschte.

Die Haller Mauern befanden sich genau im Grenzbereich der einströmenden (flachen) Kaltluft von Nordwesten und der kräftigen Südwestströmung in der Höhe, mit der die Gewitter nordostwärts wanderten. So waren große Teile des Toten Gebirges bereits durch die Kaltluft stabilisiert und blieben gewitterfrei. Weiter westlich waren in der Kaltluft noch ein paar gewittrige Schauer unterwegs, die jedoch kaum Wegstrecke zurücklegten - im Gegensatz zu den vorlaufenden Gewittern.

7. Erkenntnis 

Der plötzliche, unvorhergesagte Wettersturz existiert nicht und die Schuld den unfähigen Meteorologen zu geben ist zu einfach gedacht. Ich bin im Hinblick auf Tourenplanung extrem vorsichtig und bei einem bereits geringen Gewitterrisiko bleibe ich lieber daheim oder suche mir eine weitgehend sichere Alternativroute aus.

Sollte es einen doch einmal erwischen, ist es im Zweifelsfall besser, auf der Hütte bzw. im sicheren Unterschlupf zu bleiben. Ein Blitzschlag kann tödlich enden - und uns sollte unser Leben doch so am Herzen liegen, dieses Risiko nicht in Kauf zu nehmen.

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