Bericht in der Kronenzeitung, 17.4.12

In der Ausgabe der österreichischen Kronenzeitung vom 17.April 2012 ist unter anderem folgender Absatz zu lesen:

"Abnehmende Höhenwinde spielen bei der Entstehung der Tornados eine entscheidende Rolle", so Felix Welzenbach von Ubimet. "Im Alpenraum kommen lokale Prozesse hinzu, die bis heute nicht vollständig verstanden wurden." [...]

Das Zitat ist fast korrekt, aber leider aus dem Zusammenhang gerissen.

Das Originalzitat, das an die Kronenzeitung geschickt wurde, lautete:

Im Hinblick auf den Klimawandel sind sich die Unwetterforscher bisher uneinig: Zwar rechnet man durch den Temperaturanstieg mit heftigeren Gewittern, jedoch auch mit insgesamt abnehmenden Höhenwinden, die bei der Entstehung von Tornados eine wichtige Rolle spielen. Speziell im Alpenraum kommen zudem lokale Prozesse hinzu, die bis heute noch nicht vollständig verstanden wurden. In Summe wird man auch in den nächsten Jahren vermehrt von Tornados in Österreich hören, einen eindeutigen Zusammenhang mit dem Klimawandel lässt sich daraus aber vorerst nicht ableiten."

Der Zusammenhang mit dem Klimawandel ist hier entscheidend. So gehen die meisten Klimaforscher davon aus, dass mit der globalen Erwärmung und daraus resultierendem Anstieg der absoluten Feuchte Gewitter zunehmend heftiger ausfallen, da mehr latente Wärme1 zur Verfügung steht.

Jedoch sorgen die starke Erwärmung im Polarkreis sowie das Abschmelzen des Eisschilds am Nordpol für eine Verringerung der Temperatur- und Druckgegensätze1 zwischen Polarregion (weniger kalt) und Äquator (warm). Dadurch wird das die Nordhalbkugel umgebende Starkwindband (Jetstream) in der Höhe geschwächt und die vertikale Windscherung nimmt ab.

Starke Tornados (das sind jene Tornados, die signifikante Schäden verursachen und sich von gewöhnlichen Windschäden während Winterstürmen unterscheiden) sind jedoch an langlebig rotierende Gewitter (Superzellen) geknüpft, die kräftigen Höhenwind benötigen.

Unzweifelhaft hätte ich also formulieren müssen:

Zwar rechnet man durch den Temperaturanstieg mit heftigeren Gewittern, jedoch auch mit insgesamt abnehmenden Höhenwinden, wodurch die Tornadogefahr zurückgeht.

So wie der Satz jetzt zitiert wurde, ist er nicht komplett falsch, denn die Typ-II-Tornados entstehen in der Tat bei windschwachen Verhältnissen, wenn sich an Bodenkonvergenzen vertikale Vorticity konzentriert und durch den Aufwind einer langsam ziehenden oder stationären Schauer/Gewitterzelle zum Tornado gestreckt wird.2,3

Diese Tornadospezies richtet in Österreich allerdings kaum Schäden an, am ehesten ist sie über dem Bodensee ("waterspout") sowie in den vergangenen Jahren gehäuft im Tullner Feld ("landspout") anzutreffen4. In die genannte Statistik5 mit den "90 Tornados" gehen sowohl Typ-I-Tornados (an Schwergewitter gebunden) als auch Typ-II-Tornados ein, in die Öffentlichkeit gelangen jedoch vorwiegend schadbringende (Typ-I-) Tornados.

Bei diesen Fallzahlen ist jedoch zu beachten:

Die meisten Tornados werden dort registriert, wo Menschen sie beobachtet können oder durch Schäden betroffen sind. Tornados treten also nicht nur in Ballungsräumen auf, wie es entsprechende Abbildungen5 suggerieren, sondern auch in gering besiedelten Gegenden - entsprechend ist die Dunkelziffer ziemlich groß.

Der zweite Satz

Speziell im Alpenraum kommen zudem lokale Prozesse hinzu, die bis heute noch nicht vollständig verstanden wurden

bezieht sich auf das gehäufte Tornadoauftreten in den Voralpenregionen, wie im Steirischen Hügelland oder am Alpenostrand. Gängige Vermutung von hiesigen Stormchasern und Tornadoforschern ist, dass lokale Windsysteme die vertikale Windscherung verstärken. Die Alpen fungieren dabei wie eine riesige Herdplatte, die Wärme abgibt. Die nach oben strömende Luft wird seitlich (im Alpenvorland) ersetzt. Je stärker die Erhitzung und Aufwärtsbewegung über den Bergen, desto intensiver auch das Nachströmen vom Flach- und Hügelland. Dieser Prozess wird auch alpines Pumpen6 genannt. Meines Wissen existieren bisher aber noch keine empirisch fundierten Studien zum Zusammenhang alpinen Pumpens mit Tornados an den Alpenrändern.

Bei inneralpin auftretenden Tornados dürften zudem die Talwindsysteme eine tragende Rolle spielen, insbesondere wenn eine rotierende Gewitterzelle längere Zeit entgegen dem Taleinwind zieht und so Richtungsscherung sammelt. Da starke Tornados inneralpin selten sind, ist dieser Prozess vermutlich selten effektiv genug, tornadische Superzellen hervorzubringen.

1 : Harold Brooks, Severe Thunderstorms and Climate Change, ECSS 3-7th October 2011, Palma de Mallorca

2:  Jon Davies, Ingredients supporting non mesocyclone tornado events

3: Caruso & Davies, 2005, Tornadoes in Non-mesocyclone Environments with pre-existing vertical vorticity along Convergence Boundaries

4: Unwetter in Österreich, Quelle: www.skywarn.at

5: Abbildung zu Tornadoereignissen seit 1900 in Österreich: Quelle: www.eswd.eu

6: Alpine pumping as seen by a RADAR-RASS and simulation with the MM5 model

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