Journalismus und Wetterphänomene

Liebe Journalistinnen und Journalistinnen,

ob Meteorologe oder Journalist, unsere Ethik und unsere Aufgabe überschneidet sich durchaus, denn auch wir versuchen nach bestem Wissen und Gewissen Vorhersagen zu verfassen, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln. Wir haben die tägliche Herausforderung, aus hochkomplexen Daten eine für Laien verständliche Vorhersage zu basteln, in vielen Fällen mit einer deutlichen Zeichenbeschränkung oder Zeitbeschränkung versehen. Genauso wie Journalistinnen einen Text oder ein Interview kürzen müssen.

In allen Fällen besteht die scheinbar unmögliche Aufgabe darin, den Sinn durch die Verkürzung nicht zu verfälschen. Auch Meteorologen haben nicht den lieben langen Tag Zeit, etwas zu recherchieren - und der Zeitdruck ist im Onlinezeitalter nicht geringer geworden.

Der Stellenwert der wissenschaftlichen (Vor-)Bildung in Deutschland (und Österreich) ist gegenüber etwa Großbritannien oder den USA ausbaufähig. Gerade in letztgenannten Ländern funktioniert auch die Synergie aus Theorie (Forschung) und Praxis (Vorhersage) sehr gut, was sich in didaktisch hervorragenden Lehrbüchern niederschlägt. Und auch die Berichterstattung über Wetterphänomene ist hervorragend. Was #Taifun #Haijan, Tropensturm 03A (über Somalia) oder die unwetterartigen Regenfälle über #Sardinien anbelangt, können sich Journalisten durchaus etwas von theguardian, bbc oder nytimes abschauen.

Hierzulande wird aus Föhn/Bora-Stürmen an der kroatischen Küste ein Beleg für die heftigere Tropenstürme, aus einem normalen Tief im Mittelmeer wird ein Zyklon, bei anderen Medien liest man sogar von einem Mini-Tornado. Hier werden Phänomene durcheinander geworfen, die zwar etwas mit Wetter zu tun haben, aber fundamental andere Entstehungsmechanismen aufweisen. Und alles ist irgendwie ein Beleg für den Klimawandel. Eine zweifelhafte Quelle für Begriffsdefinitionen kann etwa Wikipedia sein, auch wenn sich diese ständig verbessert (Hinzufügen von Referenzen). Ebenso kann es irreführend sein, einen Begriff wortwörtlich zu übersetzen, etwa ist ein "cyclone" nicht zwingend ein Zyklon, und ein 'storm' nicht zwingend ein Sturmtief, und ein Wirbelsturm muss nicht zwingend ein Tornado sein. Sehr wohl ist aber eine Windhose ein Tornado. Und ein Mini-Tornado ist ein künstlicher Medienbegriff, der fachlich keiner Beweisführung standhält. Ein abschreckendes Beispiel: "Mini-Tornado tötet drei Menschen" Der Tornado von Hautmont wies nur wenig geringere Windgeschwindigkeiten als der Tornado in Moore, Oklahoma, am 20.Mai 2013 auf - und "Mini" erscheint auch in Relation zu den Toten eher pietätlos.

Im Zweifel ist es immer besser einen Experten zu Rate zu ziehen. Meteorologen werden lieber mit Fragen zu einem Phänomen gelöchert, als selbiges in falschem Zusammenhang in einem Artikel zu lesen. Das ist ungefähr so, wie wenn ich ständig behaupten täte, Print-Artikel seien besser recherchiert als Online-Artikel. Da geht bei einigen von Euch sicherlich auch die Hutschnur hoch.

Ein Fehler, der in der Klimawandeldiskussion immer wieder passiert, ist die Vermengung von Einzelereignissen mit Klima. Ein Einzelereignis ist kein Beleg für irgendetwas. Taifun Haijan belegt ebenso wenig den #Klimawandel wie der vergangene Winter in Mitteleuropa ein Beleg GEGEN den Klimawandel (der vielerorts als Erwärmung manifestiert) ist. Hinzu kommen etwa periodisch auftretende Phänomene wie El Nino und La Nina, die in einem bestimmten Gebiet häufiger (Pazifik), in einem anderen seltener (Atlantik) Tropenstürme auftreten lassen. Wie sich das Phänomen über mehrere tausend Kilometer auswirken kann und wie das mit der Atmosphäre in Wechselwirkung tritt, ist immer noch nicht vollständig verstanden. Dafür ist die Zeitspanne, in der wir forschen und zurückblicken können, zu kurz.

Ein Aspekt, der aber in der Klimawandeldiskussion zu kurz kommt, ist der achtsame und sparsame Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten. Selbst wenn Kohlendioxid keinen Einfluss auf das Klima hätte (was de fakto sehr unwahrscheinlich ist), gehen unsere fossilen Brennstoffe irgendwann zur Neige und es wäre ratsam für die jetzige Generation und die jetzigen Regierungen, sich über das 'Danach' Gedanken zu machen. Leider kommt dieser Aspekt oft zu kurz. Es geht also nicht nur um jene Menschen in der Welt, die vom Klimawandel akut bedroht werden, sondern es geht auch um die nachfolgenden Generationen. Die Forderung nach entsprechender Weitsicht ist derzeit leider vergebene Liebesmüh, da die immanente Wirtschaftskrise ein Totschlagargument ist.

Zurück zur Botschaft:

Ebenso wie man sich im Bereich der Politik, im Sport, in der Wirtschaft oder in allen Themenbereichen fachlich korrekte Informationen in einem journalistischen Artikel wünscht, sind auch Meteorologen sehr erfreut, wenn ein Artikel über ein Wetterphänomen ein Fundament aufweist: Fragen kostet nichts.

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