Unerwartete Schneeschauer im Alpenvorland

Nichtsdestrotrotz verdienen die Schauer in den Morgenstunden eine nähere Betrachtung, denn kein Modell hatte annähernd so viel Niederschlag vorhergesagt. Schwache Signale gab es zwar sehr wohl, aber nicht in dieser Intensität.

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Abb.1 zeigt eine Zunge höherer pseudopotentieller Temperaturen nördlich der Alpen. Sie ist nicht nur mit wärmerer, sondern auch feuchterer Luftmassen verbunden. Die zugehörige Drucknase nördlich der Alpen mit dem Staukeil über Italien sorgte für ein kurzes Südföhnereignis. Das eigentliche Bodentief sitzt zu diesem Zeitpunkt noch über dem westlichen Mittelmeerraum.

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Abb. 2 zeigt den Lifted Index (Zahlen) und Mixed-Layer CAPE (in J/kg) über Mitteleuropa. Der Lifted Index ist durchwegs stabil, auch wenn die Werte im Alpenvorland leicht erniedrigt sind. Einzig auffallend ist hier ein schmaler Streifen vom Jura über Schwaben bis nach Oberbayern mit CAPE-Werten von 10-50 J/kg. Zu wenig für Schauer- oder Gewitterbildung, dennoch ein Signal. Verwunderlich war aber, dass selbst hochaufgelöste Modelle keine potentielle Energie simulierten, nicht einmal entkoppelt (z.B. Lightningwizardmaps).

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Abb.3 zeigt das Falschfarben-Satellitenbild und den Verlauf der Jetachse (gelb) um 09 MEZ. Die Schneeschauer sind weiterhin im Gange (weiß eingekreist) und haben abgeschwächt die österreichische Grenze überquert. Sie befinden sich klar auf der warmen Seite (= südlich) der Jetachse in einem stark gescherten Umfeld (vgl. Abb. 4), auch erkennbar anhand der hohen und mittelhohen Bewölkung über Südfrankreich und Schweiz. Der Radiosondenaufstieg von Idar-Oberstein (mittlere Graphik) auf der kalten Seite ist stabil bis in alle Höhen durch eine Absinkinversion, welche die feuchtkalte Bodenluft deckelt. Noch weiter nördlich in der arktischen Kaltluft wie etwa in Emden (obere Graphik) ist die trockene Luft bis in die Bodenschicht vorgedrungen. Anders Payerne (untere Graphik), wie ein näherer Blick verrät:

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Abb.4: Der Aufstieg ist wenige Stunden vor dem Auftreten der Schauer durchgegangen, zeigt aber dennoch gut das Potential der morgendlichen Luftmasse. Bis zu einer Höhe von 1500 m erstreckt sich die feuchtkalte Bodenschicht. Darüber nimmt die Temperatur wieder ab. Im instabilsten Fall (rote Linie) ist ein Aufstieg bis rund 7000 m Höhe möglich - mehr als ausreichend für kräftige Schauer wie beobachtet. Interessant ist aber auch die Windverteilung. Oberhalb der Inversion dreht der Wind von Südwest (25 Knoten) auf West (55 Knoten) - Warmluftadvektion mit starker vertikaler Windscherung.

Es handelt sich also um einen typischen Aufstieg für Warmlufteinschubkonvektion, um diese Jahreszeit gewöhnlich mit sommerlich anmutenden Gewittern verbunden, nicht aber im Winter 2012/2013.

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Abb.5 vom frühen Donnerstagmorgen zeigt den konvektiven Charakter des Schneefallbands mit teilweise mäßigen Echos. Im Sommer verläuft die Zugbahn der Gewitter bei föhnigem Südwestwind durchaus ähnlich. Eine weitere Analogie besitzt die Lage durch den Ost- bis Nordwind, der beim Durchzug der Schneeschauer herrschte. Sie zogen also entgegen der vorherrschenden Bodenwindrichtung.

Nach so viel grauer Theorie stellt sich die Frage, ob die Schauer vom Boden ausgelöst werden könnten, an sich nicht mehr. Die Tageszeit spricht natürlich dagegen.

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Abb.6.: Einen endgültigen Beleg liefert das Webcam-Bild vom Herzogstand/Fahrenbergkopf (1731m) in den Bayerischen Voralpen nordwestlich des Walchensees mit Blickrichtung Nordost (über den Kochelsee hinweg). Es zeigt die ruhende Kaltluft in Bodennähe gekennzeichnet durch Nebel und feuchten Dunst. Etwa auf Augenhöhe liegt eine ausgedehnte Wolkenbank mit vertikalen Auswüchsen (Quellungen), auch Altocumulus genannt, mitunter sogar castellanus (= zinnenförmig). Sie markiert den Einschub instabil geschichteter Warmluft am Oberrand der Kaltluftschicht. Von diesem Niveau entstanden die kräftigen Schauer (siehe Abb.4).

Zusammenfassung:

Die Wetterlage bestand aus einer föhnigen Südwestströmung im Alpenraum und der Zufuhr feuchtwarmer Luft nördlich der Alpen. Diese gleitete auf der kalten Bodenluft auf. Da die Warmluft instabil geschichtet war und durch die Lage auf der warmen Seite des Jetstreams starke vertikale Windscherung vorlag, resultierte ein konvektiver Niederschlagscharakter mit schnellziehenden, heftigen Schneeschauern. Die Wettermodelle unterschätzten die Labilität deutlich, entsprechend auch die Neuschneesummen.

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