Lawinen

1. Einleitung

In der Winter-Saison rückt der Wintersport zunehmend in den Mittelpunkt der Freizeitaktivitäten. Mit dem ersten Neuschnee kann sich meist auch der Wind als "Baumeister der Lawinen" betätigen, ab dann muss sich jeder Wintersportler, der sich lawinengefährdetem Gelände bewegt, mit dem Schneedeckenaufbau auseinandersetzen.

2. Grundlagen

Ein paar Grundbegriffe sind notwendig, wenn man sich mit der Lawinengefahr auseinandersetzen will:

Oberflächenreif

Reif entsteht durch Sublimation. In wolkenlosen Nächten kommt es zu einer starken Auskühlung der Schneedecke. Die Schneeoberfläche ist kälter als die Lufttemperatur, weshalb die Feuchte sofort in Form von Oberflächenreif an der Schneedecke festfriert. In schattigen Hängen wird der Oberflächenreif kaum abgebaut.

Aufbauende Umwandlung

Eine Schneedecke wandelt sich aufbauend um, wenn sie länger der Kälte ausgesetzt ist. Zum Einen bildet sich Oberflächenreif, zum Anderen eine lockere Oberflächenschicht aus kleinen, kantigen Kristallen. Das Glitzern der Schneedecke deutet auf den aufbauenden Prozess an der Oberfläche hin. Diese feine Kristalle fungieren wie ein Kugellager der Schneedecke, auf denen der Neuschnee abrutschen kann.

Abbauende Umwandlung

Die Kristalle verkleinern ihre Oberfläche und streben eine Kugelform an. Dieser Prozess wird durch das Eigengewicht der Schneedecke und durch die Erwärmung beschleunigt, auch das Hineinregnen in die Schneedecke sorgt für eine abbauende Umwandlung. Äußeres Zeichen: Die Schneedecke setzt sich.

Schwimmschnee

Eng verbunden mit aufbauender Umwandlung: Durch die isolierende Wirkung der Schneedecke ist der Boden wärmer als die Schneeoberfläche. Wasserdampf wandert zur kälteren Oberfläche und der kältere Schnee wird größer und kantiger. Im Endstadium entstehen seckseckige Hohlkristalle, die sich untereinander kaum verbinden. Je geringer die Schneehöhe und je kälter die Nächte, desto größer das Temperaturgefälle. Schwimmschnee sorgt für störungsanfälligen Schneedeckenaufbau.

Harsch

Eine Schneedecke, die durch Regen bzw. Erwärmung, im Frühjahr auch Sonneneinstrahlung, anfeuchtet und durch Abkühlung bzw. nächtliche Ausstrahlung wieder friert, bildet Harsch. In diesem Zusammenhang hört man oft den Begriff 'tragfähiger Harschdeckel'. Ist nur die Oberfläche gefroren (wenn die Frostphase zu kurz war, etwa durch eine bewölkte Nacht), spricht man von Bruchharsch. Ein Schitourengeher bricht mit seinen Schiern plötzlich ein, wobei man deutlich die Abrisskanten sehen kann. Tragfähig wird der Harschdeckel dann, wenn die Schneedecke tiefreichend friert und fest wird. Tourengeher sind im Spätwinter bzw. Frühjahr bevorzugt am frühen Morgen und Vormittag unterwegs, wenn der Harschdeckel noch tragfähig ist.

Sulzschnee

Tageserwärmung und steigender Sonnenstand tauen die Schneeoberfläche an, der Schnee wird weich und immer nasser. Sulziger Schnee ist für Schi- und Schneeschuhtourengeher einerseits beschwerlich zu durchschreiten, wenn man mit jedem Schritt knie- oder hüfthoch einsinkt, stellt andererseits aber auch eine Gefahr, wenn der nasse, schwere Schnee an lawinengefährdeten Hängen abrutscht.

Schwachschicht

Neben Oberflächenreif und Schwimmschnee betrifft dies auch Graupelschichten. Graupel tritt bei konvektivem Niederschlag (Schauer) auf und ist räumlich eng begrenzt. Deshalb sind eingelagerte Graupelschichten tückisch, da schwer zu erkennen. Voraussetzung für Graupel sind unterkühlte Wassertröpfchen, d.h. Temperaturen um den Gefrierpunkt, die an den Schneekristallen festfrieren und poröse Kügelchen bilden.

Firn

Mehrfache Erwärmung und Wiederfrieren lässt grobkörnigen Firnschnee entstehen. Beim Auftauen entstehen zwischen den Körnern Wasserbrücken, die beim Gefrieren zu stabilen Eisbrücken werden. Durch Erwärmung nimmt der Wasseranteil zu - das "freie" Wasser durchfeuchtet die Schneedecke von oben nach unten, was die Festigkeit abnehmen lässt. Trifft das Wasser auf undurchdringbare Schichten (Eis, Erdboden), kann das Wasser eine gefährliche Gleitschicht bilden.

Windverfrachtung und Triebschnee

Wind ist der Baumeister der Lawinen. Er sorgt für eine Verfrachtung lockeren Pulverschnees (auch ohne Schneefall), der sich luvseitig zusammenpresst (hart) und leeseitig recht locker aufeinander liegt. Liegt die Triebschneeschicht auf einer ungünstigen Altschneedecke auf (z.B. durch aufbauende Umwandlung als Kugellager fungierend), führt dies zum Abgang einer Schneebrettlawine.

3. Faktoren

Zahlreiche Faktoren beeinflussen den Schneedeckenaufbau und damit auch die Lawinengefahr:

  • Wind
  • Temperatur
  • Hangneigung
  • Bewuchs
  • Beschaffenheit der Altschneedecke
  • Sonneneinstrahlung
  • Neuschneemenge
  • Höhe der Nullgradgrenze
  • Niederschlagsart (Pulverschnee, Toastbrotschnee, Regen, Graupel)
  • Nachtfrost

4. Arten von Lawinen

Nassschnee-Lawinen (auch: Gleitschneelawinen)

Mit steigendem Sonnenstand und kräftigem Temperaturanstieg tritt dieser Lawinentyp gehäuft im Spätwinter und Frühjahr auf. Zudem ist er bei Regen bis ins Hochgebirge begünstigt: Dann brechen die Kristallbindungen in der Schneedecke auf, der Schnee wird flüssig und schwerer, kommt somit leichter ins Rutschen. Selbst eine Hangneigung von weniger als 30 Grad reicht dafür aus. Sie bewegen sich zwar langsamer fort als die gefürchteten Staublawinen, sind aber wegen ihres enormen Gewichts gefährlich.

Grundlawinen

Ist die Schneedecke bis zum Erdboden durchnässt, so kann die resultierende Grundlawine große und zerstörerische Ausmaße erreichen. Sie reißt dann sogar Erdreich, Gesteinsbrocken und Bäume mit sich, wälzt auf dem Weg ins Tal alles platt, was sich ihr in den Weg stellt.

Schneebrettlawine

Triebschnee auf einer kantigen Altschneedecke (aufbauende Umwandlung!) führt zur Schneebrettlawine.

Lockerschneelawine

Sie beginnen an einem Punkt und breiten sich birnenförmig nach unten aus. Trockene Lockerschneelawinen lösen sich oft spontan nach Neuschnee, seltener durch Wintersportler. Nasse Lockerschneelawinen entstehen bei starker Sonneneinstrahlung (z.B. unterhalb von Felsen) durch Verlust an Festigkeit der Schneedecke.

Staublawinen

Sie bestehen aus feinkörnigem, trockenem Schnee, die ein Schnee-Luft-Gemisch bilden. Dieses löst sich teilweise oder ganz vom Boden ab und entwickelt große Schneestaubwolken. Mit Geschwindigkeiten von 100-300 km/h sind Staublawinen am ehesten mit pyroklastischen Zügen bei Vulkanausbrüchen vergleichbar und ähnlich tödlich. Sie erzeugen starke Druckwellen, die selbst außerhalb der Ablagerungszone noch Schäden verursachen können.

5. Auswirkungen auf Verkehrswege und Skigebiete

5.1 Lawinenkatastrophe von Galtür (1999)

Am 23. Februar 1999 ging in Galtür nach tagelangen Schneefällen mit einer Warmfront nach der anderen eine riesige Lawine ab, die 38 Tote und 48 Verletzte zur Folge hatte.

5.2 Lawinenkatastrophe in Vorarlberg (1954)

Zwischen dem 10. und 12. Jänner 1954 gingen zahlreiche Lawinen ab, die insgesamt 280 Personen verschütteten, wovon 125 Tote zu beklagen waren. Über 600 Gebäude wurden zerstört. 

5.3 Aus jüngerer Zeit

Am 28.02.2009 verschüttete eine Grundlawine eine Bahnstrecke in der Obersteiermark

Am 6.03.2012 zerstörte eine Nassschneelawine einen Skilift, glücklicherweise blieb es bei Sachschäden

6. Vorhersage

Die Vorstellungskraft, was Schnee und Wind für Einfluss auf die Lawinengefahr haben, wächst bei Eigenbegehungen. Seit ich im Februar 2011 begann, selbst mit Schneeschuhen unterwegs zu sein, kann ich mir viel besser vorstellen, was auf steilen Hängen passiert, wenn sich lockerer Triebschnee auf einer ungünstigen Altschneedecke ansammelt. Allerdings ist diese Erfahrung kurz und lediglich stichprobenartig - auch nützen jahrelange Vorhersager-Erfahrung als Meteorologe nichts.

Wer sich also über die Lawinengefahr kundig machen will, dem sei dringend auf die Lawinenwarndienste verwiesen: www.lawine.at . Nicht zu vergessen ist letzlich auch die Verantwortung, die mit der Lawinenprognose einhergeht. Müssen Verkehrswege oder Schigebiete gesperrt werden, ist der Kostenaufwand oft beträchtlich, für den Tourismus aber auch die Eisenbahn bedeutet das erhebliche Einbußen. Hat man nicht rechtzeitig gewarnt oder verharmlost, kann das neben Sachschäden auch Todesopfer zur Folge haben. Ich möchte diese Verantwortung nicht tragen. Der Meteorologe gibt in der Regel eine Entscheidungshilfe, trifft diese aber nicht - so wie eine Meteorologen-Regel lautet: "Decision aid, not made"

Quellen:

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