15. August 2011

Superzelle bei Baden - als ich das erste Mal eine Wall Cloud sah

Die Wetterlage: Eine zyklonale Westströmung bestimmt das Wetter in Mitteleuropa, im Tagesverlauf überquert ein Kurzwellentrog mit der zugehörigen Kaltfront Österreich von Nordwest nach Südost. Im Vorfeld wird noch einmal sommerlich warme Luft in den Ostalpenraum geführt.

Der Mittagsaufstieg von Wien zeigt noch ungünstige Bedingungen mit einer recht trockenen Grenzschicht. Wie jedoch die Beobachtungsdaten zwei Stunden später, insbesondere aber der Bergstationen, zeigen, herrscht vom Alpenostrand ausgehend eine deutliche Verbesserung der Bodenfeuchte vor. Entsprechend ist kurz vor der Bildung der Superzelle "tall and skinny" SBCAPE vorhanden, Größenordnung etwa 500 bis 700 J/kg. Die eingebetteten Trockenschichten deuten auf erhöhtes Sturmpotential hin, der PWAT liegt mit 30 mm über dem klimatologischen Mittel.

Die Druckwelle befindet sich zu diesem Zeitpunkt (15.00 MESZ) über dem Mostviertel. Am Alpenostrand weht teils mäßiger Nordost- bis Ostwind, in 1000 bis 1500 m dreht er zunehmend auf Südost und frischt mit Böen bis 30 km/h auf. Gemeinsam mit dem Höhenwestwind bedeutet dies eine gewisse vertikale Windscherung und inklusiver Richtungsdrehung auch leicht erhöhte 0-3 km Helizität. Die Bedingungen sind somit am späteren Nachmittag speziell südlich von Wien für Superzellen favorabler als es im Sondenaufstieg den Anschein hat. 

Radiosondenaufstieg modifiziert mit Beobachtungsdaten

 

Bild 1: 10.54 MESZ: 

Am Handelskai ließ ich mich von Nadja abholen und sah filigrane Wolken in mittleren Höhen (Altocumulus undulatus/lacunosus), die nicht nur auf Feuchteanreicherung im mittleren/oberen Wolkenstockwerk hinwiesen, sondern auch auch auf (noch) eingelagerte Inversionen (Wellenform)

1

Bei Dominik legten wir einen ausgiebigen Boxenstopp ein, und nach ebenso ausgiebigem Check der Modelle & Nowcasting mit Radar und Satellitenbildern starteten wir zunächst Richtung Stockerau, um eine eventuell durch die Druckwelle ausgelöste Linie im Mostviertel abzufangen.

Bild 2: 13.52 MESZ

Stopp bei Stockerau-West , neben der Straße wuchsen prächtige Hollersträucher, zu sehen ist die Waldviertlerin mit Nachwuchs, die sich über Stunden hielt.

Gewitterwolke im Waldviertel
Nachdem sich abzeichnete, dass die Gewitter im Most- und Waldviertel nicht recht ostwärts voranschreiten wollten, drehten wir um und positionierten uns im südlichen Wiener Becken. Die richtige Entscheidung, wie sich bald herausstellen sollte.


Bild 3: 15.14 MESZ

Nahe Himberg auf einer Eisenbahnbrücke, die St. Pöltnerin als Schwammerlgustostückl. Im Vorfeld (Osten) dieser entstehen nun zahlreiche flache Quellwolken. Der Outflow der Gewitterzelle(n) sorgt in deren Umgebung für Hebung.

Gewitterwolke in vollendet veredelter Spitzenerscheinung
Bild 4: 15.43 MESZ

Über dem Wienerwald bildete sich ein ziemlich zerfledderter Böenkragen aus, links hinten erkennt man die Kirche am Steinhof im 14. Bezirk.

Arcus Cloud im Westen Wiens

Sie zerfranste immer mehr und löste sich nordostwärts voranschreitend über bzw. nördlich von Wien auf. Wir suchen noch nach einem günstigeren Standort ohne Büsche, Wäldchen und Stromleitungen im Weg. Westlich von Moosbrunn werden wir fündig mit Blick zum Wienerwald und Baden, wo innerhalb kurzer Zeit knapp 38 Liter pro Quadratmeter fielen.

Bild 5 und 6: 16.08 MESZ

Hier hat sich eine Shelf Cloud gebildet (16.08)

Shelf Cloud am Alpenostrand (1)

Shelf Cloud am Alpenostrand (2)

Sie war allerdings noch recht zerfranst. Interessant wurde nun das Wolkengebilde in der Bildmitte.


Bild 7: Der stärkste Abwindbereich mit grünlicher Fallstreifenfärbung befand sich im Raum Baden

Kräftiger Niederschlag im Abwindbereich

Bild 8-10 16:14 MESZ - Eindrucksvoll, was der Outflow eines Gewitters alles mit seiner Vorderkante anstellen kann

8

9

10

Bild 11 Nördlich vom Niederschlagsbereich begann sich eine Wolkenabsenkung herauszuschälen

Wall Cloud Entstehung

Recht deutlich wird die pyramidenförmige Absenkung rechts sichtbar. Irritierend wirkt lediglich der weitere Niederschlagsbereich nördlich der Absenkung. Das verleiht der Superzelle eine ungewöhnliche Anordnung.


Bild 12 Der Outflow fegt währenddessen mit kräftigen Böen über uns hinweg:

Outflow
Interessanterweise waren die tiefen Wolken an der Vorderkante der Böenfront viel langsamer als der Outflow selbst - die Zelle begann zunehmend, wärmere Luft aus der Umgebung anzusaugen.


Bild 13: 16.19 MESZ

Die Absenkung über dem Anninger tritt nun in das Reifestadium:

13

Bild 14 Links der grünliche Starkniederschlagsbereich, dann die Wall Cloud, die nach Süden hin mit dem Niederschlagsbereich verschmolz, und rechts entstand im Aufwindbereich eine Tail Cloud.

14
Bild 15 Wall Cloud und Tail Cloud

15

Bild 16 Die Wall Cloud verjüngte sich deutlich, wurde dabei jedoch laminar  (O-Ton Dominik: "geschliffener"), man konnte die Rotation jetzt gut erahnen.

Verjüngung der Wall Cloud

Bild 17: 16.32 MESZ

Der Outflow schneidete der Superzelle die Warmluftzufuhr ab, sie verlagerte sich auch kaum vorwärts, kam somit nicht in günstigere Umgebungsluft. Die Tail Cloud löste sich folgerichtig auf.

Noch kleiner

Bild 18 Schließlich blieb nur noch ein kleiner Stummel übrig, dessen Fortsatz gerne eine Trichterwolke hätte sein dürfen, aber nicht sein hat wollen

Wall Cloud im Auflösestadium

Kurz darauf setzte großtropfiger Regen ein, und wir fuhren nach Süden, über den Sieggraben (Rosalia), von wo man einen grandiosen weiten Blick nach Ungarn und bis zum Günser Gebirge hat. In Ungarn waren TCu (Towering Cumulus) wie an einer Perlenkette aufgereiht. Die Temperatur stieg von 22 Grad nach Durchgang der Shelf Cloud auf 27 Grad bei Oberpullendorf (17.30). Wir suchten einen besseren Standort, um die entstehende Squall line über der Oststeiermark abfangen zu können, und fanden ihn oberhalb von Bernstein am Wenzelanger Sattel, von wo man einen prächtigen Blick auf Bernstein sowie die Tiefebene zwischen Hartberg und Oberwart hat. (18.07). Leider war es schon ziemlich dunkel und viele meiner Bilder wurden dadurch unscharf, zumal sich mit aufkommenden Regen schlecht fotografieren ließ.

Bild 19:

Bernstein und neuerlicher Böenkragen mit enormer Turbulenz (drehte sich in alle Richtungen, das Gewölk) - die Gewitterlinie hatte kräftig Fahrt aufgenommen, da sie nun von der Druckwelle (Kaltfront) mitgetragen wurde.
19

Bald schon erreichten die Fallstreifen das nahe Hügelland und immer mehr Erdblitze wurden sichtbar. Dann setzte auch schon Regen ein. Wir fuhren noch bei starkem Regen bis Bernstein und dann über Bad Schönau, Kirchschlagl,... nach Wien zurück. Anfangs gingen zahlreiche Erdblitze nieder, darunter ein ziemlich naher Einschlag (< 1 km) mit unmittelbar folgendem Donner, der trotz Starkregen hörbar war. Auf dem gesamten Stück vom Bernsteiner Hügelland bis Wien regnete es stark.

Ich bedanke mich bei Nadja und Dominik (beide Skywarn Austria) für das kurzweilige Chasing mit bleibenden Erinnerungen an aufregende Wolkenformationen.

DruckenE-Mail