Gewitter

Gewitter waren ausschlaggebend für mein Wetterinteresse, für das Meteorologiestudium und dafür, dass ich jetzt als Vorhersager mein Brot verdiene. Deswegen habe ich Gewittern eine eigene Sektion gewidmet. Hier wird all das zusammengetragen, was ich die letzten Jahre über Gewitter gelernt habe.

Als Aperitif:

Warum man bei der Gewittervorhersage nie vom Ist-Zustand auf später schließen sollte:

  • Irrtum 1: Wenn der Tag wolkenlos startet, gibt es keine Gewitter.
  • Irrtum 2: Wenn der Wind dreht und kühlere Luft einströmt, passiert nichts mehr.

Zu Irrtum 1:

Wolkenloser Himmel am Morgen ermöglicht erstmal viel Sonneneinstrahlung, ehe sich überhaupt Wolken bilden. Die Luft erwärmt sich stark, die vertikalen Temperaturgegensätze nehmen zu. Gerade im Sommerhalbjahr bilden sich konvektive Wolken erst um die Mittagszeit, im Flachland mitunter noch später.  Unter Hochdruckeinfluss mit Absinkinversion sammelt sich feuchte Grenzschichtluft. Mit Annäherung einer Kaltfront oder durch die Orographie bedingt kann die Inversion dennoch geknackt werden, dann entlädt sich die aufgestaute Energie in einer einzelnen Gewitterzelle, die entsprechend heftig werden kann ("loaded-gun"- Sitation).

Gewitter entstehen zudem nur dann unmittelbar vor Ort, wenn es sich um ein schwaches Druckfeld handelt ("Barosumpf"). Bei Zunahme des Windes mit der Höhe verlagern sich Gewitter von einem Ort zum anderen, verstärken sich, schwächen sich ab. So kann am Ort A noch geringe Bewölkung mit Sonnenschein vorherrschen, während stromaufwärts ein starkes Gewitter aufzieht. 

    Im Winterhalbjahr lockert oder klart der Himmel nach Kaltfronten häufig auf ("postfrontale Subsidenzzone"), nachfolgend können jedoch erneut Schauer niedergehen, wenn eine Trogachse nachrückt und trockene Luft potentielle Instabilität lukriert.

Zu Irrtum 2:

Der Gewitterkiller schlecht hin. Die Luft ist schwül-heiß, auf dem Radar sieht man schon die ersten Gewitterzellen entstehen. Dann plötzlich dreht der Wind, tiefliegende Wolken ziehen auf, ohne dass ein Tropfen Regen fällt. Die Luft kühlt sukzessive ab, die Energie ist raus. Der Gewitterflopp schlechthin. Kann sein, muss aber nicht sein!

Beispiel östliches Flachland in Österreich (Wiener Becken bis Nordburgenland):

Im Sommer kommt es häufiger vor, dass am Vortag eine Kaltfront unspektakulär durchgeht, da sie im westlichen Donauraum einen Kaltluftteich produziert, der sich ostwärts ausbreitet und mangels Instabilität (oft trockene Föhnluft) für Stabilisierung sorgt. Am nächsten Tag herrscht dann bodennah Nordwestwind, in der Höhe mit stagnierender Trogachse aber weiterhin Südwestwind. Diese ist nun in der Lage labil geschichtete Luftmassen in mittleren Höhen zu advehieren ("mid-level instability") und entkoppelte Feuchtkonvektion ("elevated convection") auszulösen. Die Gewitter bilden sich also ausgehend vom Altocumulus-Niveau (Ac cas), und ziehen gegenläufig zum Bodenwind vom Südburgenland und der südlichen Steiermark bzw. Westungarn nach Norden und Nordwesten.

Im Sommer 2011 war dies mehrmals der Fall, am prominentesten war aber der 27. August, als ich abends ins Wetterturnier-Forum schrieb:


Von Temperaturstürzen mit 30 K innerhalb 24 Stunden über Schneefallgrenzen-Absturz von 4500 auf 1500 m innerhalb 24 Stunden, von lehrbuchhafter Druckwelle nördlich der Alpen mit vordringendem Stratus über elevated storms in Westösterreich (bis Kammniveau Nordwind und Kaltluftadvektion, teils stürmisch, darüber aus Süd kräftige Gewitter), von Monsterzellen in den Süd- und Ostalpen bis markante Bora mit der überschwappenden Kaltluft (die als Voraussetzung in Österreich eben jenen Südwind in Kammniveau braucht).

Alles in allem ist der gestrige und heutige Tag ein Spiegel eines Lehrbuchs über zahlreiche Wetterphänomene

- Föhn
- Bora
- elevated storms
- Superzellen

das ist dermaßen beispiellos, da fehlen mir noch die Worte.

In Wien-Favoriten aktuell Sturmböen und 13 Grad, heute mittag noch 30 Grad, heute früh 23,6°C.

Bodennah fegen die fracti über den Himmel, von Südwesten wird es ziemlich dunkel. Mal schaun, ob noch eine Superzelle Kurs hält, denn durch den Nordwestwind ist die Linksdrehung mit der Höhe für left mover begünstigend.

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