Westwetterlage am 18. Mai 2006

1. Nordhemisphäre - 18.May 2006 - 0z

Eine relativ geschlossene Zirkumpolarzirkulation führt zu einer anhaltenden Zonalisierung der Höhenströmung vom Osten der USA bis nach Europa und Asien. Ein sich weit nach Süden ausdehnender Langwellentrog über dem Osten der USA advehiert vorderseitig in breitem Umfang energiereiche Warmluft in Richtung Neufundland. Die sich verschärfenden Temperaturgegensätze bei Neufundland durch Kaltluftadvektion vorderseitig eines schwachen Höhenkeils führen zu einer langgestreckten Wellenbildung südlich von Neufundland. Über dem Nordatlantik sind weitere , kurzwellige Störungen unterschiedlicher Ausdehnunung eingelagert. Ein erster Kurzwellentrog überquert in den kommenden Stunden Mitteleuropa und ist an ein markantes Bodentief mit Kern bei Irland gekoppelt. Zwischen einem Keil über dem westlichen Mittelmeerraum und dem Atlantiktrog stellt sich eine kräftige , südwestliche Strömung ein, die mit einem Jetmaximum über Frankreich einhergeht. Ein nachfolgender, weiterer Kurzwellentrog , gekennzeichnet durch einen Bodentrog am Boden, folgt südwestlich von Irland nach. Der dritte, wesentlich kleinere Kurzwellentrog befindet sich östlich von Neufundland und induziert am Boden eine markante Welle. Die erwähnten Tröge und Bodentiefdruckentwicklungen laufen in den nächsten Tagen über West- und Mitteleuropa ab. Dabei kommt es abwechslend zu einem Schub feuchtwarmer Luft , die von maritimer Kaltluft abgelöst wird. Die teilweise recht heftigen Druckgradienten in allen Höhenschichten begünstigen in Verbindung mit hochreichender Feuchtkonvektion die Entwicklung von schweren Windböen vor allem über dem West- und Mitteleuropa.

2. IR-Satellitenbilddaten um 6.00 bzw. 6.15 UTC

Das markante Sturmtief bei den Britischen Inseln ist am Donnerstag morgen bis zur südlichen Nordsee okkludiert und weist recht kompakte Wolkenbildung im Bereich der Warmfront und im Warmsektor auf, die mit gewittrigen Regenfällen über Südwestdeutschland und Frankreich einhergeht. Die Intensität der Bewölkung und die Niederschlagsaktivität schwächen sich über Spanien deutlich ab.Rückseitig der Kaltfront dringt relativ trockene und etwas kühlere Luft nach Nordosten vor, die an einen intensiven , trockenen Oberstrom gekoppelt ist. Dieser führt zur Wolkenauflösung im postfrontalen Sektor über den Britischen Inseln und damit zu einer vorübergehenden Stabilisierung der Atmosphärenschichten. Da die trockenere Luft in der Höhe jedoch der feuchtwarmen Luftmasse im Bereich der Okklusion und der Kaltfront überlagert ist, wird ein hohes Maß an potentieller Instabilität erzeugt, die durch die massive Hebung freigesetzt wird. Daher treten bei dieser Tiefdruckentwicklung besonders markante Wolkencluster in Verbindung mit Gewitterlinien, Starkregen und schweren Windböen auf.

Der Kommatrog bei Irland zieht in den kommenden Stunden weiter ostwärts und führt gekoppelt an die starke Einstrahlung über den Britischen Inseln dort zu erneuten Schauern und Gewittern.

Eine nachfolgende Wellenstörung führt im Verlauf des Samstags zu einem kräftigen Sturmtief mit erneut heftigen Niederschlägen und schweren Windereignissen über West- und Mitteleuropa. Es profititiert in seiner Entwicklung von einem extremen Jetstreak mit über 180Kn in 300hPa, der zudem gekrümmt ist. Weitere Antriebsfaktoren sind die zunehmenden Temperaturgegensätze durch die bereits erwähnte Kaltluftadvektion bei Neufundland und Warmluftadvektion nördlich des Azorenhochs.

Wegen der Lage auf der Jetachse südlich von Neufundland wird sich eine langgestreckte Welle dort zunächst nicht weiter vertiefen und mit der Höhenströmung weiter ostwärts wandern. Die möglicherweise einsetzende Zyklogenese über Westeuropa könnte zu einem weiteren, markanten Starkwindereignis über Mitteleuropa führen, sodass bis Montag abend mit vier ablaufenden, großräumigen Wetterscheinungen zu rechnen ist.

Im IR von AVIATIONWEATHER wird nochmals die Erstreckung der Kaltfront des Tiefdruckgebietes bei Irland deutlich, das bis in die subtropischen Breiten reicht und sich durch schwache Wolkenbildung als Front bemerkbar macht. Die energiereiche Luft der Wellenstörung bei Neufundland zeichnet sich durch mehrere Gewittercluster aus und verdeutlicht das Potential dieser Welle, wenn sie erst einmal quasi-geostrophischen Antrieb erhält. Weite Teile der USA gestalten sich überwiegend am an markanten Wettererscheinungen, da hier andauernde Kaltluftadvektion östlich eines Langwellenkeiles für kühlere und stabilisierende Luftmassen sorgt.

3. Synoptische Entwicklung bis Samstag abend

...Donnerstag, 18. Mai, 6 UTC...
Ein markantes Bodentief bei Schottland beeinflusst mit seinem wetteraktiven Frontensystem weite Teile Mittel- und Südwesteuropas. Zwischen einem starken Langwellenkeil über dem westlichen Mittelmeerraum bis zum Skagerrak und dem atlantischen Kaltluftkörper stellt sich eine heftige Südwestströmung über Westeuropa ein, die mit einem Jetstreak über Frankreich (pink) einhergeht. Linker Auszug des Jetstreams , Okklusionsbereich und überlagernder trockener Oberstrom (s. IR-Bild) überlappen sich und führen zu massiven , teilweise gewittrigen Niederschlägen durch die Freisetzung potentieller Instabilität. Im rechten Jetauszug wird die Höhenkonvergenz durch die massive Warmluftadvektion überkompensiert, sodass hier in energiereichster Umgebung die stärksten, konvektiven Entwicklungen auftreten. Weiter südöstlich kann vorübergehend etwas Einstrahlung die Labilität verstärken. Die starke Windscherung führt zur Bildung linienhafter Gewitter, die mit kräftigen Windböen bis Sturmstärke einhergehen, in den Mittelgebirgen vorübergehend auch schwere Sturmböen möglich.
Die Aktivität an der Kaltfront reicht bis zu den Pyrenäen (schwarz gekastelt) , dann läuft die Bodenkaltfront ohne "Rückendeckung" des Höhentroges voraus und kann mangels Labilität, Feuchte und nachlassender Hebung keine Niederschläge mehr erzeugen. Mit der leicht schleifenden Ostwärtsbewegung kommt es später im Bereich der West- und Nordalpen zu recht ergiebigen, anfangs noch gewittrig durchsetzten Regenfällen, die erst im Laufe des Freitag Vormittags nach Osten abziehen.

Ein nachfolgender, gradientscharfer Bodentrog vor Irland mit gekoppeltem Höhentrog lässt die hochreichende Feuchtkonvektion zunächst über den Britischen Inseln wieder aufleben. Tageszeitliche Einstrahlung hilft zum Aufbau von etwas CAPE. In Verbindung mit einem Starkwindfeld mit bis zu 60Kn in 850hPa besteht vor allem über Wales und England im Tagesverlauf die Gefahr von linien- oder bogenförmigen Gewittersystemen, die mit kleinerem Hagel und schweren Sturmböen einhergehen können. Auch einzelne Orkanböen sind nicht ausgeschlossen. Wegen der starken Scherung in den unteren Schichten ist das Risiko kurzlebiger Tornados erhöht.

Die weiter westlich liegende Welle wird durch die Lage im Jet und ein nördlich liegendes Bodentief mit niedrigem Geopotential in der Höhe bei der Intensivierung begünstigt und wandert in den kommenden Stunden weiter südöstwärts.

...Freitag, 19. Mai , 6 UTC...
Der angesprochene Bodentrog liegt nun über Schottland und beeinflusst mit seinem Starkwindfeld in allen Höhenschichten vor allem Nordfrankreich, Südengland, Benelux und Westdeutschland. Kräftige, z.T. gewittrige Schauer dominieren in diesem Gebiet und werden von Sturmböen und kleineren Hagel begleitet. Die Niederschläge im zentralen und östlichen Nordalpenraum lassen langsam nach. Ein nachfolgender, schwacher Kurzwellenkeil sorgt im Tagesverlauf von Südwesten her für Aufklaren zusammen mit der eingeflossenen kühleren und etwas trockeneren Luftmasse.

Ein der Bodenzyklogenese westlich von Irland vorlaufender , flacher Höhentrog schwenkt im Tagesverlauf rasch ostwärts und lässt die Schauertätigkeit über Frankreich wieder aufleben. Infolge der eingeflossenen, weniger energiereichen Luft sind die Schauer jedoch schwächer als vorher.

...Samstag, 20. Mai, 18 UTC...
Das in der vorherigen Karte mit 995hPa zu sehende Bodentief über dem Ostatlantik liegt nun mit einem Kerndruck von etwa 985hPa über der Nordsee. Sein Frontensystem überquert die Britischen Inseln am Samstag vormittag rasch mit massiven Regenfällen, die über Wales und Südengland gewittrig sein können. Dabei besteht erneut die Gefahr von Orkanböen. Am Nachmittag erreicht das Frontensystem Mitteleuropa mit weiteren , ergiebigen Regenfällen. 850er-Winde von 50-60Kn lassen bei konvektiven Umlagerungen ein gewisses Risiko von schweren bis orkanartigen Sturmböen am Boden erkennen, in den Höhenlagen der Mittelgebirge Orkan. Im Bereich von Benelux und Nordwestdeutschland (pink) wird aus jetziger Sicht erhöhte Labilität und ein Jetmax gerechnet. Wegen der hochdynamischen Entwicklung ist eine genaue Engrenzung dieses Gebietes aber noch unsicher. Bei der markant fortschreitenden Zyklogenese muss aber mit weiteren Unwettererscheinungen gerechnet werden. Die nachfolgende Welle gerät nun zunehmend in eine Vorderseitenlage des durchwenkenden Langwellentroges und damit in Bereich von großräumiger Hebung. Die einsetzende Zyklogenese kann erneut für Starkwindereignisse in Verbindung mit hochreichender Feuchtkonvektion über West- und Mitteleuropa sorgen.

© Felix Welzenbach , 01. Mai 2006